Was wäre, wenn ich wäre, wer ich gerne wäre? Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten | Kristina Pfister

Das sich der Übergang in die geldglänzende Arbeitswelt nicht immer einfach gestaltet, vor allem dann nicht, wenn das studierte Fach sich auch problemlos unter brotlose Kunst einordnen ließe, ist ein bekanntes Phänomen. Kristina Pfister hat ihren Roman ‚Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten‘ dieser Thematik gewidmet und lässt ihre Protagonistin die steinige Transition durchleben.

Annika hat ihr Studium abgeschlossen. Doch statt dieses Ereignis zu zelebrieren, reißt ihr die hereinschwappende Zäsur den Boden unter den Füßen weg. Keine Struktur mehr durch Hörsaal, Seminar und endlose Hausarbeiten. Ihr neues Leben besteht in einer Aneinanderreihung elender Praktika und auswegloser Idiotie. Das Studium geschafft – nun sollten sich doch alle Möglichkeiten öffnen, doch es will und will einfach nichts passieren.

Die Protagonistin Annika erlebt diese Marter wie einen Albtraum, der jeden Morgen aufs Neue beginnt. Bis zu dem Tag, an welchem Annika Marie-Louise kennenlernt. Marie-Louise ist das Gegenstück zu Annika. Für Marie-Louise ist jeder Tag ein Fest, jede Gelegenheit eine Chance und Träume sind dazu da, umgehend Realität zu werden.

Mit diesen Charakteren entwirft Kristina Pfister ein aufregendes Gegensatzpaar, das nicht ohne Spannung auskommen kann und darf. Annika, die unsicher ist, kaum spricht und vieles in sich hineinfrisst. Marie-Louise, die weiß was sie will, nicht auf den Mund gefallen ist und sich einfach nimmt, was sie möchte. Soviel Annika auch aus dieser Beziehung zehren kann, letztlich scheint ihr immer noch etwas zu fehlen.

Zurück bleibt ein fahler Geschmack von einer guten Idee, die, gekoppelt an eine andere Person, nicht die eigene zu sein scheint. Fast schon filmartig setzt Pfister inhaltliche Lücken und spielt so ganz bewusst mit der Fantasie der Leserin. Einiges wird auch bis zum Ende ungeklärt bleiben, was aber nicht weiter stört.

Auf ihrem Weg liegen Sex, Drogen und das elende Gefühl, selbst das größte Problem zu sein.

Die zahlreichen humoristischen Elemente vermögen nicht darüber wegtäuschen, dass über dem Roman eine drückende Schwere liegt, deren Ausmaß erst mit fortschreitender Geschichte offenbar wird. Annika hat Schwierigkeiten, von der einen in die nächste Phase zu gleiten. Das Studium zu beenden und qua Arbeit ein wertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Auf ihrem Weg liegen Sex, Drogen und das elende Gefühl, selbst das größte Problem zu sein.

Der Roadmoviecharakter, den der Roman durch mehrere Roadtrips seiner Protagonistinnen selbst zu ironisieren scheint, sorgt allerdings dafür, dass der Schwermut stets in kleinen Dosen an die Leserin verabreicht wird. Dadurch wiederum ist nicht immer klar, wie dramatisch die jeweilige Situation letztlich wirklich ist. Bis zuletzt scheint dadurch die Hoffnung auf etwas Neues, etwas Anderes zu lodern.

Die Autorin schreibt glaubwürdig und entwirft zahlreiche Charaktere, die nicht immer widerspruchslos sind, aber insgesamt gut funktionieren. Gerade der Anfang liest sich unglaublich popliterarisch, was zum einen der jugendlichen Sprache der Protagonistin geschuldet ist, zum anderen aber auch in den zig Verweisen auf gegenwärtige Medienkultur begründet liegt. Beste Voraussetzungen also, um sich zwischen den Zeilen wiederzufinden – vorausgesetzt man gehört zur Generation von Pfister.

‚Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten‘ stellt nicht nur einen urechsigen Titel dar, sondern ist auch das Romandebüt der Autorin. Die schiere Fülle an Ideen und wallenden Beschreibungen lassen erahnen, dass dort noch eine Menge Potential für weitere Geschichten vorhanden ist.

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten | Kristina Pfister | Tropen 2017 | 252 Seiten

Veröffentlicht in 2017

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