Von Reproduktionsrepubliken Der Report der Magd | Margaret Atwood

Nordamerika in einer dystopischen Zukunft. Desfred, die Protagonistin des Romans, ist als eine Art Haushälterin bei dem Kommandanten angestellt. Was wie ein reguläres Arbeitsverhältnis anmutet, ist es ganz und gar nicht. Denn Ort des Geschehens sind nicht die Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Land, dass sich die Freiheit des Einzelnen auf die sternverzierte Fahne schreibt, sondern die Republik Gilead. Freiheit ist hier nur noch eine Worthülse, die allenfalls für wenige noch die Bedeutung von einst hat. Besonders aber für Männer, denn die Republik Gilead zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es eine extreme Form des religiösen Patriarchats darstellt. Herrschaft der Männer, die Frauen primär zu einem Zweck duldet: der Reproduktion.

So kommt es, dass Desfred auch keine gewöhnliche Haushälterin ist, sondern eine Sexsklavin, deren Aufgabe es ist, dem Kommandanten ein Kind zu schenken. Damit keine dieser Mägde genannten Frauen rebelliert, erhalten sie nichts außer Kost und Logis und dürfen auch untereinander keine Freundschaften schließen, sondern sind angehalten, sich in rein funktionalem Kontakt zu begegnen. Bei Verstoß drohen Folter und Prügel, bis hin zum Mord. Der soziale Druck ist hoch, alle fürchten wechselseitig verraten zu werden und dann gibt es ja auch noch die Augen. Augen sind vom System eingesetzte Männer, die in martialischer Montur alle verfolgen, die Systemkritik üben.

Häufig schweifen Desfreds Gedanken zurück an ihre Mutter, die eine glühende Kämpferin für ihre Geschlechtsgenossinen war und inzwischen verschollen ist.

Margaret Atwood, die sich selbst als Feministin versteht, beschreibt aus eben dieser Rolle heraus die Herrschaft von Männern über Frauen. Dieser Blick funktioniert in aller Regel, stößt aber auch ab und zu an seine Grenzen und wirkt dabei ungelenk überformt. Gelungen ist aber das sanfte Einstreuen von Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, mit denen die Frauenbewegung in der realen Welt konfrontiert war und bis heute ist. Häufig schweifen Desfreds Gedanken zurück an ihre Mutter, die eine glühende Kämpferin für ihre Geschlechtsgenossinen war und inzwischen verschollen ist.

Desfreds eigener Kampf bleibt allerdings seltsam farblos. Ihre innere Aufruhr und der Wunsch nach Freiheit sind in der unterdrückenden Rahmung angelegt, treten aber nur in einer begrenzten Intensität heraus. Selbst ihre widerständigen Episoden sind kaum beherzt und lassen den Charakter schwach erscheinen, was nicht gut mit dem nur latenten Bedrohungsszenario harmoniert. Dies liegt aber nicht in der Figur begründet, denn Atwood leistet eine gute Charakterarbeit. Das Problem des Romans ist, dass es eine gute Geschichte unzureichend transportiert. Zu vieles verbleibt in Andeutungen, ohne das daraus ein Bedrohungsszenario erwächst.

Die empfundene Unbill von Desfred bleibt zwar nachvollziehbar, das Gesamtszenario hingegen kaum. Das ist schade, weil Atwoods Idee klug ist. Das, was sie der fiktiven Republik Gilead andichtet sind gesammelte Verhaltensweisen, Einstellungen und Begebenheiten, mit denen sich Frauen in Vergangenheit und bisweilen auch heute noch auseinandersetzen müssen. Insofern liegt der große Gewinn der Geschichte darin, der Gesellschaft aufzuzeigen, wie sehr sie bis heute von Verachtung für Frauen durchzogen ist. Mit dieser Botschaft dürfte der Roman trotz literarischer Schwächen wohl noch eine gute Weile aktuell bleiben.

Der Report der Magd | Margaret Atwood | Piper 2017 (1985) | 416 Seiten

Veröffentlicht in 1985

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