Das Ich ist ein Anderer Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt | Haruki Murakami

Semioten, Schwärzlinge und dicke Frauen. Die Fantasiewelt des preisgekrönten Haruki Murakami changiert zwischen Fakt und Fiktion. Während in seinen späteren Werken die Ausflüge in transzendente Sphären eher beiläufig platziert oder von den Charakteren selbst in Frage gestellt werden, scheint in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ alles natürlich zu sein.

Zumindest für den namenlosen Protagonisten, der sich als Kalkulator verdingt und Datenreihen für das System und gegen die Fabrik verarbeitet. System und Fabrik werden als Gegenpaar aufgezogen, die wechselseitig um Einflussnahme ringen. Der whiskeyliebende Kalkulator stellt aber alsbald fest, dass sich System und Fabrik womöglich ähnlicher sind, als es den Anschein hat, womit er seine Umgebung als orwellsche Kulisse entlarvt, die nur eine scheinbare Auseinandersetzung suggeriert und sich in Wahrheit selbst reguliert.

Derlei Gedankengänge bleiben aber offen, wie so vieles in der undurchsichtigen Welt, die mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Der Erzählstrang ist paralleler Natur. Zum einen gibt es die Geschichte des Kalkulators, der von einem Professor einbestellt wird, um für diesen Daten zu shufflen. Das Shufflen ist ein Geheimprogramm des System, weswegen es keine Überraschung ist, dass sich an diese Tätigkeit Probleme anschließen. Der Kalkulator wird eingeschüchtert, seine Wohnung demoliert und er bekommt einen Einhornschädel geschenkt.

Die dort lebenden Menschen sind seelenlos und gehen stumpf ihren Tätigkeiten nach, für die sie weder Freude noch Trauer empfinden.

Die andere Geschichte spielt am Ende der Welt. Das Ende der Welt ist eine kleine Stadt, die durch eine robuste Mauer begrenzt wird, und außer dem Eingangstor keinen weiteren Zugang kennt. Die dort lebenden Menschen sind seelenlos und gehen stumpf ihren Tätigkeiten nach, für die sie weder Freude noch Trauer empfinden. Teilnahmslos aber irgendwie zufrieden gleitet der Tag an der Stadt vorbei.

Der Protagonist dieser Stadt ist der Traumdeuter, der in der Bibliothek Träume aus Totenschädeln liest. Die Anfangs geringen Überschneidungen der beiden Stränge werden mit fortschreitender Geschichte mehr, bis sich herauskristallisiert, wodurch sie verbunden sind. Bis dahin funktionieren aber beide Geschichten für sich genommen hervorragend und bieten ihre ureigene Erzählung.

In dem 1985 erschienen Roman ist bereits der Prototyp von Murakamis Charakteren erkennbar. Der Kalkulator lebt alleine, trinkt, raucht, kennt sich mit klassischer Musik und Jazz aus und hat so ziemlich alles gelesen, was als literarische Hochkultur gehandelt wird. Was in seinen anderen Büchern besser harmoniert, wirkt hier bisweilen etwas unpassend. Zumal sich erst nach und nach herausstellt, wie unendlich gebildet der Kalkulator zu sein scheint.

Darüber hinaus glänzt Murakami nicht gerade mit seinem Frauenbild. Weibliche Charaktere werden objektiviert und von ihrer Körperlichkeit auf ihre sexuellen Fähigkeiten geschlossen. Auch das nimmt in seinem Gesamtwerk etwas ab, ist in dieser frühen Phase aber stellenweise haarsträubend und auch aufgesetzt.

Von diesen Punkten abgesehen, liefert Murakami ein starkes Buch, dass trotz seiner Länge nur bei wenigen Passagen eine gewisse Langatmigkeit erzeugt. Seine Bildsprache ist phänomenal, was auch die nicht immer geglückte Übersetzung kaum zu schmälern vermag. Die von ihm erzeugten Welten sind detailreich gespickt und ziehen unmittelbar in ihren Bann.

Der zum Teil flapsige Stil tariert sorgsam das Verhältnis zwischen ernsthafter Geschichte und absurden Ereignissen, von denen es nicht wenige gibt. Seine Stärke liegt in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ vor allem in die Schilderung alltäglicher Sequenzen, die die Charaktere beim Arbeiten oder Essen begleiten.

Der Plot an sich ist kein schlechter und gerade die Welt des Hard-boiled Wonderland verbleibt faszinierend wie mysteriös im Gedächtnis. Dennoch reicht der Roman nicht an spätere Veröffentlichungen wie IQ84 heran, wo Murakami neben seiner Sprachgewalt noch eine verzweigtere wie ebenso packendere Geschichte kreiert.

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt | Haruki Murakami | btb 2007 (1985) | 507 Seiten

Im Angesicht des gestern Mittelstadtrauschen | Margarita Kinstner

Joe liebt Marie. Er liebt sie so sehr, dass er versäumt sie es spüren zu lassen. Was wie ein kitschiger Vorstadtroman anmutet, ist tatsächlich ein weit verzweigtes Beziehungsgeflecht, das mit klugen Wendungen und unterhaltsamen Passagen brilliert. Doch Joe ist tot. Deswegen geht es nur indirekt um ihn, sondern vor allem um Marie und ihr Leben nach seinem Ableben.

Marie, die nun mit Jakob liiert ist. Jakob, der sich zuvor von Sonja trennt, indem er den Kontakt zu ihr abbricht. Sonja, die sich in ihrer Verzweiflung auf Gery einlässt, der wiederum der beste Freund von Joe gewesen ist. Und das sind nur die jungen Charaktere, zu denen ebenso ältere Pendants in Form von Eltern, Großeltern und übriger Verwandt- und Bekanntschaft zählen.

Die Verwobenheit all dieser Figuren steigert sich nur unmerklich, wird aber im Laufe der Geschichte immer verzweigter. Zu Beginn dominiert eine charmante Erzählung junger Menschen aus Wien. Marie und Jakob. Streiflichtartig wie eine kompakte Zusammenschau strickt die Autorin die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive der Charaktere weiter. Sie errichtet damit nicht nur spannende Beziehungskonstellationen, sondern schmückt den Roman auch sprachlich mit einer unglaublichen Vielfalt aus.

Die schier endlosen Beschreibungen wirken auf den ersten hundert Seiten beinahe erdrückend. Dabei hält Kinstner ihr hohes Niveau fast durchgehend aufrecht. Das gelegentliche Abflachen wird indes von der sich aufbauenden Handlung getragen, die vor allem durch die starken Charaktere interessant bleibt.

Der Plot an sich ist wenig komplex. Nach Joes Tod taucht ein Testament auf, dass der Leserin suggeriert, im Finale würden alle Stränge zusammengeführt und mehr noch mit einem Knall ungeahnte Verbindungen aufgezeigt. Doch genau diese Relationen offenbaren sich bereits im Laufe der Geschichte. Gekonnt wie beiläufig inszeniert die Autorin generationale Verquickungen, die bis in die Gegenwart ausstrahlen und einsame Geschichten von verbotener Zuneigung, Zurückweisung und dem Verlust geliebter Menschen erzählen.

Der Schwermut aus alten wie jungen Tagen wirft sich zusehends wie ein Schatten über das Geschehen.

Der auch von Pathos getragene Roman verliert mit steigender Seitenzahl seine Leichtigkeit. Der Schwermut aus alten wie jungen Tagen wirft sich zusehends wie ein Schatten über das Geschehen. Mit dieser Entwicklung verschafft Kinstner den Figuren, vor allem Marie, bemerkenswerten Tiefgang und liefert glaubwürdige Entwicklungen, die vorausschauend in die Handlung eingelassen sind.

‚Mittelstadtrauschen‘ ist als ein Roman zu verstehen, der popliterarisch für die österreichische Hauptstadt schwärmt und mit zahllosen Details zu Straßenzügen, Brücken und Veranstaltungsorten aufwartet. Die von Kinstner portraitierten Charaktere hauchen Wien leben ein, lassen es alltäglich wie besonders wirken und plausibilisieren ungemein die Geschichte in ihrem Spannungsverhältnis zwischen Banalität und Besonderheit.

Das sich anbahnende Ende macht sich die zuvor eingeführten interpersonalen Verbindungen zu nutze. Soweit das nicht überraschen mag, verbleiben die letzten Seiten jedoch unter ihrem Potential und enden in einem flirrenden wie gleichsam erwartbaren Rahmen. Dennoch handelt es sich bei dem Roman um ein gut geschriebenes Buch, welches nicht nur sprachlich einen hohen Anspruch erfüllt, sondern auch durch erfrischende Charakterentwicklung begeistert und mit dem dichten Beziehungsnetz aller Figuren die literarischen Fähigkeiten der Autorin darzustellen weiß.

Mittelstadtrauschen | Margarita Kinstner | Deuticke 2013 | 288 Seiten

Tanz der Resilienz Die Pest | Albert Camus

Die Idylle der pittoresken Hafenstadt Oran ist greifbar, als der schwarze Tod sachte an ihre Pforten pocht und seinen Tribut einfordert. Der 1947 veröffentlichte Roman des französischen Schriftstellers Albert Camus stellt der hereinbrechenden Pestepidemie eine Handvoll Männer entgegen, die alle auf ihre eigene Weise mit den Folgen des Ausbruchs umgehen.

Im Zentrum der Erzählung steht Dr. Bernard Rieux, der als Arzt auch beruflich unmittelbar mit der Krankheit konfrontiert wird. Daneben gibt es unter anderem einen Jesuitenpater, einen Journalisten, einen Angestellten und einen Schmuggler. Sie alle eint die Verbindung zu Rieux, der im Roman die Rolle eines Ruhepols innehat und immer wieder zwischen verschiedenen Menschen vermittelt.

Rieux arrangiert sich mit dem Pestausbruch und geht seiner Arbeit nach, die im Laufe der Epidemie immer kräftezehrender wird und ihn schließlich an seine Grenzen bringt. Während anfangs die Stadtoberen noch damit ringen, die Häufungen der Pesterkrankungen überhaupt als Epidemie zu werten, intensiviert sich die bedrückende Stimmung mit Einführung der Quarantäne über die Stadt deutlich.

Seitenweise schildert Camus die Schicksalsschläge von Haupt- wie Nebencharakteren und erzählt ihre persönlichen Verzehrungen nach geliebten Menschen, ebenso wie ihre endlosen Versuche, das gewählte Los umzukehren und der Stadt zu entkommen.

Vordergründig bleibt der gesamtgesellschaftliche Eindruck, die Wahrnehmung der Pest aus Sicht des gemeinen Stadtbewohners.

Bemerkenswert ist, dass sich die Figuren nicht aufdrängen, obwohl sie sehr stark konturiert sind. Vordergründig bleibt der gesamtgesellschaftliche Eindruck, die Wahrnehmung der Pest aus Sicht des gemeinen Stadtbewohners. Diesen Effekt erzielt Camus, indem er mittels einem fiktiven Erzähler die Geschichte rahmt und so den Fokus immer wieder von Individuen hin zur Gesamtgesellschaft verschiebt.

Das funktioniert auch deswegen besonders gut, weil ein Großteil der Charaktere sich in soziologischen Feststellungen ergeht, die immer wieder und aus einer je anderen Perspektive, ein neues Bild dieser Stadt im Belagerungszustand zeichnen.

Die Stadt wird als ein lebenswerter Ort beschrieben, der selbst in Pestzeiten vordergründig sein freundliches Antlitz bewahrt. Camus’ Sprache vermittelt eine mittelalterliche Stadtkulisse, die von modernen Errungenschaften gezeichnet ist. Stadtwachen sind vor dem Tor postiert, durch welches Pferdefuhrwerke passieren, während an anderer Stelle benzingetriebene Automobile mit quietschenden Reifen durch die Straßen brausen.

Tatsächlich ist die fiktive Erzählung in der gleichen Zeit ihrer Entstehung angesiedelt, also den 1940er Jahren. Bis auf wenige Stellen, wo der Zeitgeist zu Buche schlägt, und der modernen Leserin Fragezeichen aufkommen dürften, liest sich der Roman aber auch siebzig Jahre nach Erscheinen der Originalausgabe sehr modern.

Was ‚Die Pest’ lehren kann, ist, dass Fremdherrschaft ein unvermeidlicher und gleichsam zu vermeidender Zustand ist. Die Stadttore sind geschlossen, weil es die geltenden Regeln so vorschreiben. Wer privilegiert ist, mag an der einen oder anderen Stelle eine Vergünstigung herausschlagen, aber letztlich erleiden alle das gleiche Schicksal. Die Gleichheit vor der Pest – denn die Krankheit wählt nicht, wen sie dahinrafft – ist ein interessanter Gedanke, den Camus aufwirft und mehrmals zur Sprache bringt.

Was durch die alltäglichen Handlungen der Charaktere durchscheint, ist einerseits Widerstand, ein sich auflehnen und nicht akzeptieren wollen oder können der gegenwärtigen Situation. Zum anderen, und das erscheint deutlich tragender, ist es die kollektive Ohnmacht, die selbst den willensstarken Jesuitenpater befällt. Eine Ohnmacht, die sich in einem Ungetüm namens Bürokratie manifestiert. Nicht das Monster, das Hannah Arendt beschwört, aber dennoch die unhinterfragbare Routine, die bis dato den Wert menschlichen Lebens missachtet und statt Auschwitz Lampedusa genannt werden könnte.

Die Pest | Albert Camus | Rowohlt 1997 (1947) | 350 Seiten

Von Tieren lernen Der Hals der Giraffe | Judith Schalansky

Die Schule als Reflexionsfläche der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Judith Schalansky kreiert mit ihrem Roman ungewohnte Einblicke in die verkappte Weltsicht der Biologielehrerin Inge Lohmann. Lohmann, die kurz vor der Rente steht, fristet in einer ostdeutschen Kleinstadt ihr Dasein und versteht sich als eine Kämpferin wider der Dummheit, die, auf scheinbar verlorenem Posten, Darwin das Wort redet.

Der größte Teil des Buches besteht in aneinandergereihten Gedankenfetzen von Lohmann, deren Inneres zu Rauschen scheint. Während sie ihren Frontalunterricht gibt, schimpft sie im Geiste auf ihre Schülerinnen und Schüler. Ihre Kritik ist hemmungslos und unnachgiebig. In ihrer Gegenwart ist es schier unmöglich, Gefallen zu wecken.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was das eigentliche Problem ist. Lohmann ist sehnsüchtig nach einer Welt, die gemäß ihren biologischen Lehren funktioniert, in welcher sich der Mensch der Natur unterwirft oder sie zumindest als ordnendes Prinzip akzeptiert. Der Mensch als natürliche Maschine, jeglicher Empathie entrückt. Diese Idee des Menschseins macht sie zuallererst sich selbst zu eigen. Ihre Klasse regiert sie mit herablassender Kühle und für das Kollegium hat sie nur Spott übrig.

Der Charakter Lohmann ist abstoßend wie gleichsam mitleiderregend. Die Lehrerin als Stellvertreterin für ein untergehendes System, dass allenfalls Sehnsuchtsort bleibt, aber nie wirklich besser war. Schalansky stellt zur Disposition, was gesellschaftlich noch zählt, in einer Welt, in der sich jeder selbst am nächsten ist und die metallene Durchstoßung von Körperteilen zwecks Schmuck mehr Resonanz erzeugt, als die Mendelsche Vererbungslehre.

Gemessen an der Länge des Romans liefert Schalansky unzählige Themen. Die Gedankengänge von Inge Lohmann sind weit verzweigt in der Menschheitsgeschichte und bewegen sich vom Urmenschen bis zum Scheitern der DDR, mit all seinen Implikationen. Vor allem gilt, was Lohmann zum Ende formuliert: Der Mensch baut stets auf der Vergangenheit auf.

Dabei ist es letztlich das, was Lohmann will: Dankbarkeit. Eine Tochter, die ihr Enkel schenkt und sonntags zum Kaffeebesuch erscheint.

Die im Laufe des Buchs auch körperlich abbauende Lehrerin hatte keine schöne Kindheit. Die wenigen Episoden aus ihrer Vergangenheit vermitteln eine Idee von ihrer gewachsenen Empathielosigkeit, die auch vor ihrer eigenen Tochter nicht haltmacht. Dabei ist es letztlich das, was Lohmann will: Dankbarkeit. Eine Tochter, die ihr Enkel schenkt und sonntags zum Kaffeebesuch erscheint.

Dass sich diese Wünsche nicht erfüllen ist tragisch wie symptomatisch für ein Leben, dass nicht ausschließlich mit Naturgesetzen erklärbar ist. Entsprechend muss Inge Lohmann daran scheitern oder zumindest verbittert ihren Rückzug antreten, denn auch die Biologie ist nicht in der Lage, menschliches Verhalten komplett aufzuschlüsseln.

Der mitreißende Strom des Buches ist immens. Schalanksy gelingt es, die bisweilen abstrusen Vorstellungen der Inge Lohmann wortgewandt zu transportieren. Ihr Reservoir für illustrierende Adjektive wie überhaupt Worte schlechthin scheint schier unerschöpflich. Gepaart mit extrem knappen Sätzen, die nicht selten nur drei bis vier Wörter ausmachen, entsteht tatsächlich ein Gefühl, den Gedanken der Protagonistin auf der Spur zu sein.

Seitenlange Assoziationsketten, die, nur unterbrochen vom Unterrichtsgeschehen, richtig Spaß machen. Selbst die Schimpftiraden auf die Klasse und deren Individuen, mit allen ihren Eigenheiten, ist großartige Unterhaltung.

Schalanskys fulminanter Stil ist wie geschaffen für die Innenansichten des greisen Lehrkörpers – zumindest in ihren endlosen Monologen. Die Dialoge im Kollegium wiederum lesen sich eher anstrengend. Da das Lohmannsche Assoziationsfeuerwerk niemals abreißt, ist wenig Raum für andere Charaktere oder deren Konversation. Da sich derlei Stellen aber insgesamt arg begrenzt halten, ist dies nur ein kleiner Wermutstropfen, der ein ansonsten hervorragend geschriebenes Buch kaum zu schmälern vermag.

Der Hals der Giraffe | Judith Schalansky | Suhrkamp 2011 | 222 Seiten

Was wäre, wenn ich wäre, wer ich gerne wäre? Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten | Kristina Pfister

Das sich der Übergang in die geldglänzende Arbeitswelt nicht immer einfach gestaltet, vor allem dann nicht, wenn das studierte Fach sich auch problemlos unter brotlose Kunst einordnen ließe, ist ein bekanntes Phänomen. Kristina Pfister hat ihren Roman ‚Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten‘ dieser Thematik gewidmet und lässt ihre Protagonistin die steinige Transition durchleben.

Annika hat ihr Studium abgeschlossen. Doch statt dieses Ereignis zu zelebrieren, reißt ihr die hereinschwappende Zäsur den Boden unter den Füßen weg. Keine Struktur mehr durch Hörsaal, Seminar und endlose Hausarbeiten. Ihr neues Leben besteht in einer Aneinanderreihung elender Praktika und auswegloser Idiotie. Das Studium geschafft – nun sollten sich doch alle Möglichkeiten öffnen, doch es will und will einfach nichts passieren.

Die Protagonistin Annika erlebt diese Marter wie einen Albtraum, der jeden Morgen aufs Neue beginnt. Bis zu dem Tag, an welchem Annika Marie-Louise kennenlernt. Marie-Louise ist das Gegenstück zu Annika. Für Marie-Louise ist jeder Tag ein Fest, jede Gelegenheit eine Chance und Träume sind dazu da, umgehend Realität zu werden.

Mit diesen Charakteren entwirft Kristina Pfister ein aufregendes Gegensatzpaar, das nicht ohne Spannung auskommen kann und darf. Annika, die unsicher ist, kaum spricht und vieles in sich hineinfrisst. Marie-Louise, die weiß was sie will, nicht auf den Mund gefallen ist und sich einfach nimmt, was sie möchte. Soviel Annika auch aus dieser Beziehung zehren kann, letztlich scheint ihr immer noch etwas zu fehlen.

Zurück bleibt ein fahler Geschmack von einer guten Idee, die, gekoppelt an eine andere Person, nicht die eigene zu sein scheint. Fast schon filmartig setzt Pfister inhaltliche Lücken und spielt so ganz bewusst mit der Fantasie der Leserin. Einiges wird auch bis zum Ende ungeklärt bleiben, was aber nicht weiter stört.

Auf ihrem Weg liegen Sex, Drogen und das elende Gefühl, selbst das größte Problem zu sein.

Die zahlreichen humoristischen Elemente vermögen nicht darüber wegtäuschen, dass über dem Roman eine drückende Schwere liegt, deren Ausmaß erst mit fortschreitender Geschichte offenbar wird. Annika hat Schwierigkeiten, von der einen in die nächste Phase zu gleiten. Das Studium zu beenden und qua Arbeit ein wertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Auf ihrem Weg liegen Sex, Drogen und das elende Gefühl, selbst das größte Problem zu sein.

Der Roadmoviecharakter, den der Roman durch mehrere Roadtrips seiner Protagonistinnen selbst zu ironisieren scheint, sorgt allerdings dafür, dass der Schwermut stets in kleinen Dosen an die Leserin verabreicht wird. Dadurch wiederum ist nicht immer klar, wie dramatisch die jeweilige Situation letztlich wirklich ist. Bis zuletzt scheint dadurch die Hoffnung auf etwas Neues, etwas Anderes zu lodern.

Die Autorin schreibt glaubwürdig und entwirft zahlreiche Charaktere, die nicht immer widerspruchslos sind, aber insgesamt gut funktionieren. Gerade der Anfang liest sich unglaublich popliterarisch, was zum einen der jugendlichen Sprache der Protagonistin geschuldet ist, zum anderen aber auch in den zig Verweisen auf gegenwärtige Medienkultur begründet liegt. Beste Voraussetzungen also, um sich zwischen den Zeilen wiederzufinden – vorausgesetzt man gehört zur Generation von Pfister.

‚Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten‘ stellt nicht nur einen urechsigen Titel dar, sondern ist auch das Romandebüt der Autorin. Die schiere Fülle an Ideen und wallenden Beschreibungen lassen erahnen, dass dort noch eine Menge Potential für weitere Geschichten vorhanden ist.

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten | Kristina Pfister | Tropen 2017 | 252 Seiten

Die Liebenswürdigkeit von Skurrilitäten Grand Hotel | Jaroslav Rudiš

Ursprünglich ist mir Rudiš in einer Ausgabe der le monde diplomatique begegnet, wo ich nach Lesen seines Artikels den Eindruck hatte, dass hier kein Journalist, sondern ein Literat zugange war. Da mein Eindruck zutraf wollte ich gleich noch mehr von ihm lesen. Der vielversprechendste Titel erschien mir ‚Grand Hotel‘, aus dessen Innenleben ich nun berichten kann.

Die Hotelerie an sich ist ja ein mitunter ominöser Geschäftszweig. Menschen wohnen heute hier und morgen dort, gemeinhin der Albtraum jedes soliden Überwachungsstaates, oder einfach nur jeglicher Obrigkeit, die gerne eine Meldeadresse zur Hand hat. Im Grand Hotel des Rudiš geht es indes gediegener zu. Die Zahl der Gäste ist überschaubar und so sind die Charaktere eher mit sich beschäftigt, als mit Kundschaft.

Fleischman ist der Vor- und Zuname des Helden. Ein Tscheche, der über unglückliche Zufälle an einen entfernten Cousin gerät, der wiederum das Grand Hotel auf dem höchsten Berg der Stadt betreibt. Ein Ort, an dem niemand so recht bleiben will und viele auch nur zum Sterben kommen. Versuche, eine Suizidalindustrie aufzubauen misslingen aber, denn auf das Schild des Hotelbesitzers, dass Selbstmörder sich doch anmelden mögen, reagiert niemand.

Der Roman bietet durchweg eine Fülle an abstrusem wie herzlichem Humor. Zu Anfang entsteht noch der Eindruck, dass der junge Fleischman ein reichlich durchgeknallter Zeitgenosse ist. Je mehr der übrigen Charaktere allerdings vorgestellt und mit weiteren Lebensgeschichten illustriert werden, desto eher wird klar, dass Fleischman vielleicht die liebenswürdigste Person in einem einzigen Irrenhaus ist.

Rudiš schreibt rasant und direkt, die Handlungen finden unmittelbar und ohne große Anbahnung statt. Dem zuträglich ist das stakkatoartige Changieren zwischen den Personen. Grundsätzlich geht es um die Perspektive Fleischmans, die aber durch vielerlei Facetten ausgeleuchtet wird, je nachdem, mit wem er gerade unterwegs ist oder wer ihn anschreit, verprügelt oder mit Geld eindeckt.

Fleischman erklärt nebenbei und ungefragt diverse Wetterlagen und mausert sich damit zu einem sympathischen Freak.

Thematisch spielt sich das Leben Fleischmans vor allem sehr weit oben ab. Er hat eine Neigung für das Wetter und seine Phänomene. Kaltfronten, Wetterleuchten, Sturmtiefs. Fleischman erklärt nebenbei und ungefragt diverse Wetterlagen und mausert sich damit zu einem sympathischen Freak.

Sein Gegenüber ist vor allem Jégr, sein Chef und irgendwie Verwandter. Jégrs Vokabular ist begrenzt und bezieht sich auf die Umschreibungen weiblicher Körper, Sexualpraktiken und Devotionalien lokaler Sportvereine. So locker wie seine Sprache sitzen auch seine Fäuste. Der als völliger Proll inszenierte Hotelchef ist schier unerträglich. Selbst die absurden Wetterepisoden von Fleischman können das nicht immer wettmachen.

Die wirklich vielseitige Geschichte steht sich leider ab und zu auch selbst im Weg, was ärgerlicherweise an einer Stilfrage hängt. Rudiš setzt permanente Cliffhanger, erzählt Episoden nur zur Hälfte oder nur in einem Halbsatz und vertröstet dann die geneigte Leserin. So amüsant das etwa fünfmal anmutet, so nervig wird es, wenn es einfach nicht aufhören will. Auch die häufig direkte Ansprache der Leserin verwirrt meines Erachtens eher, als das es die ohnehin humoristischen Geschichten stützen würde. Was Rudiš allerdings kann, ist das gnaden- wie schnörkellose Erzählen skurrilster Details und Verstrickungen. Gerade das episodenhafte Schildern des Fleischmanlebens, der sich ausschließlich von Keksen ernährt, vermag zu überzeugen und macht das Buch zu einem schnellen Lesevergnügen.

Grand Hotel | Jaroslav Rudiš | Luchterhand 2006 | 238 Seiten

Wissenschaft als Lebensinhalt Die Vermessung der Welt | Daniel Kehlmann

Wissenschaftliche Abhandlungen lesen sich seltenst spannend, denn im Fokus steht die Wissensvermittlung, nicht die Unterhaltung der Lesenden. Zugegeben, ‚Die Vermessung der Welt‘ ist kein Sachbuch und dennoch spielt der Autor mit einer gewissen Wissenschaftlichkeit. Das mag auch an den beiden Protagonisten seines Romans liegen, die in der akademischen Welt wahrlich keine Unbekannten sind.

Einer von beiden ist Alexander von Humboldt. Er prägte als Forschungsreisender im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich die europäischen Naturwissenschaften. Die älteste und zweitgrößte Universität von Berlin trägt seinen Namen, wenngleich sie nicht von ihm, sondern von seinem älteren Bruder Wilhelm gegründet wurde. Der zweite Protagonist ist der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der seinerzeit als Fürst der Mathematiker bekannt war. Dieser Titel lässt bereits erahnen, was Gauß mathematisch auf dem Kerbholz hatte. Er lieferte entscheidende Beiträge zur Zahlentheorie, war aber auch auf anderen Gebieten wie Astronomie oder Magnetismus nicht untätig.

Diesen beiden Superstars der Naturwissenschaftsszene widmet Kehlmann in seinem Roman eine Art humoristische Biographie. Abwechselnd berichtet der Autor aus dem Leben von Gauß und Humboldt. Ausgehend von deren Kindheit wird die Entwicklung hin zu renommierten Wissenschaftlern beschrieben, die immer wieder Berührungspunkte haben.

Spannend ist dabei der aufgegriffene Zeitgeist. Kehlmann beschreibt die Geschichte mit einem ungläubigen, fast ethnographischen Blick, der wunderbar die Haltungen und Vorstellungen vergangener Tage hervorhebt. Dies wird besonders deutlich, weil Humboldt adelig ist und Gauß als Arbeiterkind Glück hat, dass er, statt verprügelt zu werden, von seinem Lehrer auf ein Gymnasium empfohlen wird. In dieser Distanz zur Zeit liegt auch die Stärke des Buchs, das altertümliche Regularien persifliert, akzeptiert oder (besonders durch die Figur Humboldt) ironisiert.

Da es sich um Männer von Wissenschaft handelt, sind immer wieder Ausflüge in die jeweiligen Disziplinen eingebettet, die spielerisch das Interesse für komplexe Sachverhalte aus Mathematik und Co. wecken.

Die Sätze sind knapp und äußerst prägnant, was einen handwerklich sehr angenehmen Schreibstil ergibt. Da es sich um Männer von Wissenschaft handelt, sind immer wieder Ausflüge in die jeweiligen Disziplinen eingebettet, die spielerisch das Interesse für komplexe Sachverhalte aus Mathematik und Co. wecken. Das reicht zwar nicht, um tatsächlich inhaltlich in derlei Thematiken einsteigen zu können, aber das grundsätzliche Interesse, nicht zuletzt am wissenschaftlichen Personal, wird allemal geweckt.

Die Charaktere selbst sind Nerds. Sowohl Gauß als auch Humboldt brillieren auf dem wissenschaftlichen Parkett mit Berechnungen und Beobachtungen, die niemand außer ihnen verstehen mag. Indes sind sie im sozialen Umgang vor allem recht einfältig. Dieser Bruch macht sie sympathisch und sorgt lange Zeit für gute Leseunterhaltung. Leider verblassen diese Skurrilitäten bereits in der Mitte des Buchs, weil die Spleens der beiden allzu erwartbar für Furore sorgen. Zum Ende fühlte ich mich dann wie die Protagonisten selbst ein wenig alleine und zurückgelassen. Während ich anfangs gefesselt und gut mitgenommen wurde, verkommen die Wissenschaftler zum Ende zu Parodien ihrerselbst.

Dennoch bleibt ‚Die Vermessung der Welt‘ ein lesenswertes Buch, was sehr flüssig geschrieben ist und mit einigen Überraschungen aufwartet. So wird etwa vermittelt, dass Goethe zunächst den sogenannten Neptuniern anhing, ein Wissenschaftskreis, der die Auffassung vertrat, dass die Erde im Innern kühl und keineswegs heiß sei. Insgesamt also ein unterhaltsames Buch, das Wissenschaft angenehm als biographisches Thema nahezubringen weiß. Vor der gleichnamigen Filmadaption aus dem Jahre 2012 kann ich indes nur warnen, die sympathischen Charaktere, vor allem Gauß, erscheinen auf der Leinwand grotesk entstellt.

Die Vermessung der Welt | Daniel Kehlmann | Rowohlt 2005 | 302 Seiten