Das Ich ist ein Anderer Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt | Haruki Murakami

Semioten, Schwärzlinge und dicke Frauen. Die Fantasiewelt des preisgekrönten Haruki Murakami changiert zwischen Fakt und Fiktion. Während in seinen späteren Werken die Ausflüge in transzendente Sphären eher beiläufig platziert oder von den Charakteren selbst in Frage gestellt werden, scheint in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ alles natürlich zu sein.

Zumindest für den namenlosen Protagonisten, der sich als Kalkulator verdingt und Datenreihen für das System und gegen die Fabrik verarbeitet. System und Fabrik werden als Gegenpaar aufgezogen, die wechselseitig um Einflussnahme ringen. Der whiskeyliebende Kalkulator stellt aber alsbald fest, dass sich System und Fabrik womöglich ähnlicher sind, als es den Anschein hat, womit er seine Umgebung als orwellsche Kulisse entlarvt, die nur eine scheinbare Auseinandersetzung suggeriert und sich in Wahrheit selbst reguliert.

Derlei Gedankengänge bleiben aber offen, wie so vieles in der undurchsichtigen Welt, die mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Der Erzählstrang ist paralleler Natur. Zum einen gibt es die Geschichte des Kalkulators, der von einem Professor einbestellt wird, um für diesen Daten zu shufflen. Das Shufflen ist ein Geheimprogramm des System, weswegen es keine Überraschung ist, dass sich an diese Tätigkeit Probleme anschließen. Der Kalkulator wird eingeschüchtert, seine Wohnung demoliert und er bekommt einen Einhornschädel geschenkt.

Die dort lebenden Menschen sind seelenlos und gehen stumpf ihren Tätigkeiten nach, für die sie weder Freude noch Trauer empfinden.

Die andere Geschichte spielt am Ende der Welt. Das Ende der Welt ist eine kleine Stadt, die durch eine robuste Mauer begrenzt wird, und außer dem Eingangstor keinen weiteren Zugang kennt. Die dort lebenden Menschen sind seelenlos und gehen stumpf ihren Tätigkeiten nach, für die sie weder Freude noch Trauer empfinden. Teilnahmslos aber irgendwie zufrieden gleitet der Tag an der Stadt vorbei.

Der Protagonist dieser Stadt ist der Traumdeuter, der in der Bibliothek Träume aus Totenschädeln liest. Die Anfangs geringen Überschneidungen der beiden Stränge werden mit fortschreitender Geschichte mehr, bis sich herauskristallisiert, wodurch sie verbunden sind. Bis dahin funktionieren aber beide Geschichten für sich genommen hervorragend und bieten ihre ureigene Erzählung.

In dem 1985 erschienen Roman ist bereits der Prototyp von Murakamis Charakteren erkennbar. Der Kalkulator lebt alleine, trinkt, raucht, kennt sich mit klassischer Musik und Jazz aus und hat so ziemlich alles gelesen, was als literarische Hochkultur gehandelt wird. Was in seinen anderen Büchern besser harmoniert, wirkt hier bisweilen etwas unpassend. Zumal sich erst nach und nach herausstellt, wie unendlich gebildet der Kalkulator zu sein scheint.

Darüber hinaus glänzt Murakami nicht gerade mit seinem Frauenbild. Weibliche Charaktere werden objektiviert und von ihrer Körperlichkeit auf ihre sexuellen Fähigkeiten geschlossen. Auch das nimmt in seinem Gesamtwerk etwas ab, ist in dieser frühen Phase aber stellenweise haarsträubend und auch aufgesetzt.

Von diesen Punkten abgesehen, liefert Murakami ein starkes Buch, dass trotz seiner Länge nur bei wenigen Passagen eine gewisse Langatmigkeit erzeugt. Seine Bildsprache ist phänomenal, was auch die nicht immer geglückte Übersetzung kaum zu schmälern vermag. Die von ihm erzeugten Welten sind detailreich gespickt und ziehen unmittelbar in ihren Bann.

Der zum Teil flapsige Stil tariert sorgsam das Verhältnis zwischen ernsthafter Geschichte und absurden Ereignissen, von denen es nicht wenige gibt. Seine Stärke liegt in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ vor allem in die Schilderung alltäglicher Sequenzen, die die Charaktere beim Arbeiten oder Essen begleiten.

Der Plot an sich ist kein schlechter und gerade die Welt des Hard-boiled Wonderland verbleibt faszinierend wie mysteriös im Gedächtnis. Dennoch reicht der Roman nicht an spätere Veröffentlichungen wie IQ84 heran, wo Murakami neben seiner Sprachgewalt noch eine verzweigtere wie ebenso packendere Geschichte kreiert.

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt | Haruki Murakami | btb 2007 (1985) | 507 Seiten

Veröffentlicht in 2007

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