Im Angesicht des gestern Mittelstadtrauschen | Margarita Kinstner

Joe liebt Marie. Er liebt sie so sehr, dass er versäumt sie es spüren zu lassen. Was wie ein kitschiger Vorstadtroman anmutet, ist tatsächlich ein weit verzweigtes Beziehungsgeflecht, das mit klugen Wendungen und unterhaltsamen Passagen brilliert. Doch Joe ist tot. Deswegen geht es nur indirekt um ihn, sondern vor allem um Marie und ihr Leben nach seinem Ableben.

Marie, die nun mit Jakob liiert ist. Jakob, der sich zuvor von Sonja trennt, indem er den Kontakt zu ihr abbricht. Sonja, die sich in ihrer Verzweiflung auf Gery einlässt, der wiederum der beste Freund von Joe gewesen ist. Und das sind nur die jungen Charaktere, zu denen ebenso ältere Pendants in Form von Eltern, Großeltern und übriger Verwandt- und Bekanntschaft zählen.

Die Verwobenheit all dieser Figuren steigert sich nur unmerklich, wird aber im Laufe der Geschichte immer verzweigter. Zu Beginn dominiert eine charmante Erzählung junger Menschen aus Wien. Marie und Jakob. Streiflichtartig wie eine kompakte Zusammenschau strickt die Autorin die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive der Charaktere weiter. Sie errichtet damit nicht nur spannende Beziehungskonstellationen, sondern schmückt den Roman auch sprachlich mit einer unglaublichen Vielfalt aus.

Die schier endlosen Beschreibungen wirken auf den ersten hundert Seiten beinahe erdrückend. Dabei hält Kinstner ihr hohes Niveau fast durchgehend aufrecht. Das gelegentliche Abflachen wird indes von der sich aufbauenden Handlung getragen, die vor allem durch die starken Charaktere interessant bleibt.

Der Plot an sich ist wenig komplex. Nach Joes Tod taucht ein Testament auf, dass der Leserin suggeriert, im Finale würden alle Stränge zusammengeführt und mehr noch mit einem Knall ungeahnte Verbindungen aufgezeigt. Doch genau diese Relationen offenbaren sich bereits im Laufe der Geschichte. Gekonnt wie beiläufig inszeniert die Autorin generationale Verquickungen, die bis in die Gegenwart ausstrahlen und einsame Geschichten von verbotener Zuneigung, Zurückweisung und dem Verlust geliebter Menschen erzählen.

Der Schwermut aus alten wie jungen Tagen wirft sich zusehends wie ein Schatten über das Geschehen.

Der auch von Pathos getragene Roman verliert mit steigender Seitenzahl seine Leichtigkeit. Der Schwermut aus alten wie jungen Tagen wirft sich zusehends wie ein Schatten über das Geschehen. Mit dieser Entwicklung verschafft Kinstner den Figuren, vor allem Marie, bemerkenswerten Tiefgang und liefert glaubwürdige Entwicklungen, die vorausschauend in die Handlung eingelassen sind.

‚Mittelstadtrauschen‘ ist als ein Roman zu verstehen, der popliterarisch für die österreichische Hauptstadt schwärmt und mit zahllosen Details zu Straßenzügen, Brücken und Veranstaltungsorten aufwartet. Die von Kinstner portraitierten Charaktere hauchen Wien leben ein, lassen es alltäglich wie besonders wirken und plausibilisieren ungemein die Geschichte in ihrem Spannungsverhältnis zwischen Banalität und Besonderheit.

Das sich anbahnende Ende macht sich die zuvor eingeführten interpersonalen Verbindungen zu nutze. Soweit das nicht überraschen mag, verbleiben die letzten Seiten jedoch unter ihrem Potential und enden in einem flirrenden wie gleichsam erwartbaren Rahmen. Dennoch handelt es sich bei dem Roman um ein gut geschriebenes Buch, welches nicht nur sprachlich einen hohen Anspruch erfüllt, sondern auch durch erfrischende Charakterentwicklung begeistert und mit dem dichten Beziehungsnetz aller Figuren die literarischen Fähigkeiten der Autorin darzustellen weiß.

Mittelstadtrauschen | Margarita Kinstner | Deuticke 2013 | 288 Seiten

Veröffentlicht in 2013

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