Was gestern war wird morgen sein Die Schmetterlingsfängerin | Margarita Kinstner

Eine Familiengeschichte aus mehreren Zweigen, die sich endlos zu verflechten scheinen und bis in die Gegenwart ausstrahlen. Im Mittelpunkt Katja, die gerade ihr Leben umkrempelt, in ein anderes Land und mit ihrem Liebhaber zusammenziehen möchte. Schwanger ist sie obendrein, für eine Ehe indes fühlt sie sich zu progressiv. Ihre Reise führt sie von Österreich nach Bosnien, wobei sich erst sehr spät herauskristallisiert, dass es nicht so sehr um Katjas Zukunft, sondern um ihre Vergangenheit geht. Um ihre Eltern und um ihre Verwandtschaft. Letztlich um ihre Herkunft, die sie einige Generationen zurückverfolgt und versucht, sich ein Bild über das zu machen, was sich vor Jahrzehnten im beschaulichen Lusniztal, der Herkunftsort ihrer Urgroßeltern, abgespielt hat.

Von Beginn an führt Margarita Kinstner unzählige Figuren ein, die erst im Verlaufe der Geschichte verortet werden können. Anfangs ist es vor allem das, ein gnadenlos überfrachteter Einstieg, der zunehmend Verwirrung stiftet und sorgfältig zu verschleiern droht, worum sich der Roman dreht. Die zahlreichen Personen sind zwar alle sinnhaft miteinander verbunden, aber um das nachvollziehen zu können, ist das Buch schon zur Hälfte gelesen. Insofern sind es vor allem die ersten Kapitel, die einigermaßen steinig daherkommen und zu viele Angebote machen, wie Kinstners Roman verstanden werden kann.

Erst in der Kombination mit der Familiengeschichte erhält auch Katjas gegenwärtiges Leben einen gewissen Tiefgang.

Sobald die Protagonistin Katja dann aber beginnt, in Archiven und persönlichen Gesprächen Licht in das Dunkel ihrer familiären Vergangenheit zu bringen, treten gerade diese Passagen als höchst unterhaltsam hervor. Fortan sind es die Wechsel, zwischen Episoden der Ahnenforschung und der aktuellen Lebensgeschichte von Katja, die sukzessive die Liebesbeziehung zu ihrem Freund und die Entstehung der Idee, nach Bosnien überzusiedeln nacherzählt. Erst in der Kombination mit der Familiengeschichte erhält auch Katjas gegenwärtiges Leben einen gewissen Tiefgang.

Die Autorin schreibt wortgewandt mit Hang zur Detailverliebtheit, die auch besonders von den österreichischen Wörtern getragen wird, die für das ungeübte Auge besonders auffällig sind. Zur Stärke ihres Debüts findet Kinstner allerdings nicht zurück. Den dort gestalteten Beziehungskonzeptionen zwischen den Figuren scheint sie zwar nachzueifern, aber es vermag ihr nicht in dieser vormaligen Komplexität zu gelingen.

Somit verharrt ‚Die Schmetterlingsfängerin’ zwischen einer Familiengeschichte und der Entwicklung einer jungen Frau, was in der Summe zwei schale Perspektiven ergibt, die je für sich funktionieren, aber in der Kombination einen deutlich größeren Entwicklungsraum brauchen. Bei einem Seitenumfang von knapp dreihundert muss die eigentlich nötige Ausgestaltung zwangsläufig an ihre Grenzen stoßen. Zum Ende wird tatsächlich noch vieles geglättet, aber richtig rund wird die Geschichte damit auch nicht mehr.

Trotzdem sind gerade die letzten Seiten stark geschrieben, hier verwebt Kinstner alle Stränge des Plots ineinander und konturiert dadurch viele Figuren nochmals klar. Damit bleibt der Roman zwar unter seinem Potential zurück, liefert aber dennoch aufregende Charaktere und immer wieder gelungene Bilder, die die einzelnen Kapitel für sich sehr lesenswert machen.

Die Schmetterlingsfängerin | Margarita Kinstner | Deuticke Verlag 2015 | 288 Seiten

Veröffentlicht in 2015

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