Ein Leben nach dem Leben Adler und Engel | Juli Zeh

Solange das Koks in seinem Beutel raschelt, kommt Max klar. Zumindest meistens. Die Droge scheint seine Vitalfunktionen übernommen zu haben. Er isst nicht mehr, ab und zu trinkt er. Alkohol. Dann ist da noch Clara, eigentlich Lisa. Max schlägt sie. Ins Gesicht. Immer wieder. Sie geht nicht, denn sie will etwas von Max.

Anders ist es bei Jessie. Sie wird nicht von Max geschlagen, sondern hofiert. Doch nachdem Jessie ihren Revolver gegen sich selbst richtet, gerät für Max so einiges durcheinander, was zuvor wirkte, als sei es ausreichend gekittet worden. Eigentlich ist Max nämlich Jurist, ein Topjurist in einer der besten Kanzleien Europas. Zuständig für Osteuropa, Grenzen, Schengen, Balkan, all sowas.

Zu Beginn des Romans wird die Leserin allerdings in die Drogenwirren von Max gezogen. Max, der auch mal Cooper genannt wird, liegt zerstört in seiner Leipziger Wohnung und versucht zu begreifen, was nicht zu begreifen ist. Den Tod von Jessie kontert er mit übermäßigem Koksen und der vagen Hoffnung auf das eigene Ableben. Die neue Frau an seiner Seite ist Clara, eine Radiomoderation, die sich für ihre Diplomarbeit das irre Leben von Max schildern lässt.

Auf einer gemeinsamen Reise nach Wien offenbart Max immer weitere Details seiner kriminellen und drogenverstrahlten Vergangenheit. Seine nebulösen Erzählungen offenbaren aber auch, dass er selbst nicht so genau weiß, was in seinem Leben eigentlich gerade schief läuft.

Die Realität verschwimmt und mit ihr treibt der Inhalt des Drogenbeutels davon.

Zeh gelingt es, sehr starke Charaktere zu inszenieren, die sich zusehends im Strudel des Kokain zu verlieren drohen. Die Realität verschwimmt und mit ihr treibt der Inhalt des Drogenbeutels davon. Als Max‘ Vorrat sich dem Ende zuneigt, tritt er seit langer Zeit öffentlich in Erscheinung, indem er vor seiner alten Kanzlei herumstromert um von Kollegen etwas abzukaufen. Die groteske Getriebenheit von Max wirkt anfangs sehr befremdlich, mit der Zeit aber sehnt man sich schon fast herbei, dass er sich eine weitere Nase zieht um wieder klar zu sehen und die Dinge zu begreifen, wie sie tatsächlich sind.

Gerade Begegnungen zwischen dem völlig zugedröhnten Max und scheinbar teilnahmslosen Dritten wirken auf eine bizarre Art lustig. Zehs Beschreibung eines sich selbstzerstörenden Mannes, dessen Wahrnehmung durchgehend drogeninduziert ist, wirkt meist plausibel und liest sich erfrischend kurzweilig. Das durch die Geschichte gesponnene Netz aus Verbrecherbanden und UNO-Abgesandten funktioniert tadellos als Rahmung eines Drogentrips.

Nachdem Max wochenlang in einem versifften Unterschlupf vor sich hin vegetiert und statt menschlichen Grundbedürfnissen nachzugehen noch eine Ladung Koks konsumiert, drängt sich seine Vergangenheit nur unmerklich auf – der gegenwärtige Max ist schlicht zu präsent. Dennoch gibt es einige Drehungen und Überraschungen auf personellen Ebenen, die dem Roman bis zuletzt eine gewisse Grundspannung verleihen. Die Autorin schreibt äußerst stilsicher und glänzt mit einem breiten Repertoire an Bildern und Vergleichen, die die bisweilen abstrusen Szenerien noch weiter aufbauschen. Dann und wann sind Beschreibungen jedoch etwas zu knapp geraten, sodass einige Stellen erst nach mehrmaligem Lesen an Klarheit gewinnen. Das ist, auch gemessen daran, dass es sich um Zehs Debütroman handelt, allerdings nur eine Randnotiz wert. Ein starkes Buch.

Adler und Engel | Juli Zeh | Schöffling & Co. 2001 | 448 Seiten

Veröffentlicht in 2001

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