Die Geister die sich riefen Die Ermordung des Commendatore I | Haruki Murakami

Das neue Werk von Haruki Murakami ist in vielerlei Hinsicht überdurchschnittlich, ohne sich allzu sehr von seinen vorherigen Veröffentlichungen zu entfernen. Die Geschichte an sich ist dabei gar nicht so herausragend, sondern es sind murakamitypische Elemente die in bisher unbekannter Stärke hervortreten. Protagonist seines Romans ist eine Figur, die inzwischen als Prototyp seiner Werke gelten dürfte. Ein lediger Mann um die dreißig, der sein Geld mit etwas Künstlerischem verdient, sich nicht in einer festen Beziehung befindet und zu seiner eigenen Überraschung Erfolg bei Frauen hat. Nicht zu vergessen die Kenntnis klassischer Musik, sowie ein Verständnis für die Getränkekarte einer mittelgroßen Bar. Denn auch in ‚Die Ermordung des Commendatore’ zeigt sich, dass Murakami einst Jazzbarbetreiber in Tokio war und sich somit Aspekte des Autors auch in den Charakter geprägt haben mögen.

So erwartbar sein Hauptcharakter gestaltet ist, so eindringlich ist aber auch die Geschichte geschrieben. Einmal mehr gelingt es Haruki Murakami zahllose Vergleiche und Metaphern hervorzuzaubern, die nur in den seltensten Fällen merkwürdig anmuten, sondern fast immer einer überzeugende Stimmung generieren. Hierzu zählt ebenso das Wetter, zumeist ist es Regen, was sich formidabel und wie wohlkomponiert in die Atmosphäre einfügt.

Es gelingt ihm kaum, sein Gegenüber zu zeichnen, er sieht sich außerstande die entscheidenden Merkmale zu Papier zu bringen.

Die Rahmenhandlung besteht aus einem Portraitmaler, der sich eigentlich von seinem Handwerk distanzieren möchte, durch einen äußerst lukrativen Auftrag aber doch noch einmal den Pinsel zückt. Fortan macht der Porträtist vor allem die Erfahrung, dass sich etwas geändert haben muss. Es gelingt ihm kaum, sein Gegenüber zu zeichnen, er sieht sich außerstande die entscheidenden Merkmale zu Papier zu bringen. Hinzu kommt, dass ihn sein wohlbegüterter Auftraggeber mit Namen Menshiki nicht nur für die Kunst engagiert, sondern überdies noch andere Dienstleistungen anfragt. Um die Überforderung des Protagonisten weiterzutreiben erklingt zudem eines Nachts aus einem unterirdisch gelegenen Schrein eine Glocke. Ab diesem Zeitpunkt erhält das Mythische in den Roman Einzug und begleitet den Porträtmaler.

Dazwischen gibt es die ein oder andere Frauengeschichte, die Murakami wesentlich deutlicher und sexuell zugespitzter beschreibt, als es in seinen übrigen Romanen Praxis ist. Gleich an mehreren Stellen betritt er damit fragwürdiges Terrain, ohne dass klar würde, dass die Geschichte davon profitierte. Auch diesbezüglich ist sein Roman eine Steigerung. Daneben liefert Murakami aber ebenso Bezüge zum nationalsozialistischen Deutschland. Auch dies, gewissermaßen zum murakamischen Standardrepertoire gehörend, erfährt eine klare Hervorhebung. Es bleibt nicht beim bloßen Erwähnen, sondern die deutsche Vergangenheit wird aktiv in die Geschichte eingebunden und nimmt schließlich sogar einen äußerst prominenten Platz im Buch ein.

Mit dieser Fokussierung wirkt ‚Die Ermordung des Commendatore’ gereift, wie ein Produkt, bei welchem sich zusehends herauskristallisiert, was die wichtigsten Ingredienzien sind. Dabei darf, und auch dies bleibt keineswegs aus, kein Verweis auf den Prager Franz Kafka fehlen, zu dessen Leben und Wirken Haruki Murakami offenbar immer noch etwas mehr zu erzählen weiß. Insgesamt liefert Murakami ein typisches, wenngleich drastischeres Werk, dass hervorragend lesbar ist und durch die dem Autor eigene Bildsprache glänzt. Die Strategie des Verlags, aus der Geschichte zwei Bände zu machen, ist indes kein Glanzstück, sodass man sich am Ende des Buchs bisweilen etwas verloren fühlen dürfte, denn für sich alleine vermag der erste Teil nicht zu stehen.

Die Ermordung des Commendatore I | Haruki Murakami | Dumont 2018 | 480 Seiten

Veröffentlicht in 2018

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