Aus Liebe zur Theke Wiener Strasse | Sven Regener

Westberlin in den Achtzigerjahren. Erwin ist Betreiber einer Gastronomie, die auf den Namen Café Einfall hört und entgegen diesem Namen eine Kneipe ist, die mehr schlecht als recht läuft. Über Publikum braucht sich der Wirt zwar nicht zu beklagen, aber irgendwie stimmt die Kasse nicht. Um zumindest Mieteinnahmen aus seiner darüberliegenden Wohnung zu erzielen, lässt Erwin daher seine Nichte Chrissie samt Wohngemeinschaft dort einziehen.

Fortan ist nicht nur Leben in der Wohnung, sondern alle wollen auch in seiner Kneipe mitarbeiten. Obwohl sich Erwin anfangs arg dagegen verwehrt, gelingt es doch allen Beteiligten auf die ein oder andere Weise am Cafébetrieb teilzunehmen. Chrissie backt Kuchen, Frank putzt und Karl gibt den Barkeeper. Selbst H.R., der ansonsten damit zu glänzen weiß, sein Umfeld mit Axt und Motorsäge zu schocken, nutzt die eingestaubte Kuchenvitrine für eine spontane Kunstausstellung der besonderen Art.

Es ist Regeners Stil, der zuerst irritiert. Wild und abgehackt saust die Geschichte zwischen Erzählungen und Wortduellen umher. Kaskadenartig beharken sich seine Charaktere, überbieten sich in derbem und infantilem Gebaren. Anfangs wirkt diese Zurschaustellung aneinandergereihter Normbrüche nachgerade unlustig und eher abstoßend. Mit fortschreitender Geschichte setzt allerdings ein Gewöhnungsprozess ein, der es möglich macht, auch ausufernde Schwachsinnsszenen hinzunehmen. Stellenweise erscheinen die humoristischen Elemente derart verzerrt, dass aber auch nach etlichen Seiten nicht immer klar wird, warum die Figuren bis ins Groteske überzeichnet sind.

Richtig sympathisch ist bis auf wenige Ausnahmen niemand, was wiederum bedeutet, dass es mitunter anstrengend ist, sich durch Passagen zu lesen, wo obendrein noch die Handlung lahmt. Dennoch lässt sich dem Autor sein beschwingter Stil zugutehalten. Trotz häufig fadem Komikniveau behält der Roman einen angenehmen Elan bei, dem aber leider ein solider Plot fehlt. An Ideen indes scheint es nicht zu mangeln, denn das Buch ist geradezu vollgepackt mit Figuren und zugehörigen Anekdoten.

Die raren Zeilen, die tatsächlich urkomisch sind, bleiben daher Ausnahmeerscheinungen in einem tendenziell unausgegorenen Gesamtstück.

Womöglich liegt genau darin aber auch des Pudels Kern. Einmal mehr ist ‚Wiener Strasse’ nämlich auch die Geschichte von Frank Lehmann. Jener Lehmann, mit dem Regener einst seinen literarisch größten Erfolg feiern konnte. ‚Herr Lehmann’, hochgelobt und sogar verfilmt, scheint bei seinem neuesten Werk aber nicht mehr die Vorlage zu bieten, die es braucht um ein eigenständig Buch zu befüllen. Die raren Zeilen, die tatsächlich urkomisch sind, bleiben daher Ausnahmeerscheinungen in einem tendenziell unausgegorenen Gesamtstück.

Zwar bietet der Roman vielfältige Episoden und besondere Momente, die zugehörige Dramaturgie ist indes äußerst dünn ausgefallen. Die Frage, wohin die ganze Chose führen wird, bleibt am Ende zwar nicht offen, aber eine befriedigende Antwort sieht dann doch anders aus. Die wenigen, gleichwohl atmosphärischen Ost-West-Anspielungen (immerhin spielt das Buch in der DDR) sind zwar gut platziert, aber eine bisweilen inkonsistente Charakterarbeit lässt sich dadurch auch nicht mehr auffangen. Wüste Unterhaltungsliteratur, gleichermaßen erschreckend und bizarr, die nicht an vergangene Veröffentlichungen Regeners heranzureichen vermag. Wer gewillt ist das Medium zu wechseln, ist mit einem Film aus der ‚Werner’-Reihe womöglich besser bedient.

Wiener Strasse | Sven Regener | Galiani Berlin 2017 | 296 Seiten

Was wäre, wenn ich wäre, wer ich gerne wäre? Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten | Kristina Pfister

Das sich der Übergang in die geldglänzende Arbeitswelt nicht immer einfach gestaltet, vor allem dann nicht, wenn das studierte Fach sich auch problemlos unter brotlose Kunst einordnen ließe, ist ein bekanntes Phänomen. Kristina Pfister hat ihren Roman ‚Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten‘ dieser Thematik gewidmet und lässt ihre Protagonistin die steinige Transition durchleben.

Annika hat ihr Studium abgeschlossen. Doch statt dieses Ereignis zu zelebrieren, reißt ihr die hereinschwappende Zäsur den Boden unter den Füßen weg. Keine Struktur mehr durch Hörsaal, Seminar und endlose Hausarbeiten. Ihr neues Leben besteht in einer Aneinanderreihung elender Praktika und auswegloser Idiotie. Das Studium geschafft – nun sollten sich doch alle Möglichkeiten öffnen, doch es will und will einfach nichts passieren.

Die Protagonistin Annika erlebt diese Marter wie einen Albtraum, der jeden Morgen aufs Neue beginnt. Bis zu dem Tag, an welchem Annika Marie-Louise kennenlernt. Marie-Louise ist das Gegenstück zu Annika. Für Marie-Louise ist jeder Tag ein Fest, jede Gelegenheit eine Chance und Träume sind dazu da, umgehend Realität zu werden.

Mit diesen Charakteren entwirft Kristina Pfister ein aufregendes Gegensatzpaar, das nicht ohne Spannung auskommen kann und darf. Annika, die unsicher ist, kaum spricht und vieles in sich hineinfrisst. Marie-Louise, die weiß was sie will, nicht auf den Mund gefallen ist und sich einfach nimmt, was sie möchte. Soviel Annika auch aus dieser Beziehung zehren kann, letztlich scheint ihr immer noch etwas zu fehlen.

Zurück bleibt ein fahler Geschmack von einer guten Idee, die, gekoppelt an eine andere Person, nicht die eigene zu sein scheint. Fast schon filmartig setzt Pfister inhaltliche Lücken und spielt so ganz bewusst mit der Fantasie der Leserin. Einiges wird auch bis zum Ende ungeklärt bleiben, was aber nicht weiter stört.

Auf ihrem Weg liegen Sex, Drogen und das elende Gefühl, selbst das größte Problem zu sein.

Die zahlreichen humoristischen Elemente vermögen nicht darüber wegtäuschen, dass über dem Roman eine drückende Schwere liegt, deren Ausmaß erst mit fortschreitender Geschichte offenbar wird. Annika hat Schwierigkeiten, von der einen in die nächste Phase zu gleiten. Das Studium zu beenden und qua Arbeit ein wertiges Mitglied der Gesellschaft zu werden. Auf ihrem Weg liegen Sex, Drogen und das elende Gefühl, selbst das größte Problem zu sein.

Der Roadmoviecharakter, den der Roman durch mehrere Roadtrips seiner Protagonistinnen selbst zu ironisieren scheint, sorgt allerdings dafür, dass der Schwermut stets in kleinen Dosen an die Leserin verabreicht wird. Dadurch wiederum ist nicht immer klar, wie dramatisch die jeweilige Situation letztlich wirklich ist. Bis zuletzt scheint dadurch die Hoffnung auf etwas Neues, etwas Anderes zu lodern.

Die Autorin schreibt glaubwürdig und entwirft zahlreiche Charaktere, die nicht immer widerspruchslos sind, aber insgesamt gut funktionieren. Gerade der Anfang liest sich unglaublich popliterarisch, was zum einen der jugendlichen Sprache der Protagonistin geschuldet ist, zum anderen aber auch in den zig Verweisen auf gegenwärtige Medienkultur begründet liegt. Beste Voraussetzungen also, um sich zwischen den Zeilen wiederzufinden – vorausgesetzt man gehört zur Generation von Pfister.

‚Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten‘ stellt nicht nur einen urechsigen Titel dar, sondern ist auch das Romandebüt der Autorin. Die schiere Fülle an Ideen und wallenden Beschreibungen lassen erahnen, dass dort noch eine Menge Potential für weitere Geschichten vorhanden ist.

Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten | Kristina Pfister | Tropen 2017 | 252 Seiten