Kinder, Küche, Kirche Schlaflos | Sarah Moss

Es ist Nacht und Anna liegt wach. Kein Albtraum der an ihrer Seele zerrt, sondern die Freuden doppelter Niederkunft. Gemeinsam mit ihrem internatsgeschulten Gentleman und Ehemann Giles kümmert sich Anna um ihre beiden Kinder Moth und Raph. Nacht für Nacht gleitet sie aus ihrem Bett um für den jungen Timothy zu singen und ihn zurück in den Schlaf zu wiegen.

Kaum schläft dieser eine Nacht durch, tapst der ältere Raphael in Richtung des elterlichen Schlafzimmers, um aufgelöst von Bewegungen und Geräuschen, die vom Dachboden herrühren, zu berichten.

Sarah Moss schildert in ihrem Roman alltägliche Familiensituationen, die von der Fürsorge der Frau gegenüber ihren Kindern geprägt sind. Eine Fürsorge, die für Anna zunehmend zur Tortur wird. Sie ist es leid, dass ihre kostbare Schlafenszeit ebenfalls in die Versorgung der Kinder einfließt und ihr den so nötigen Schlaf verwehrt.

Anna ist nämlich nicht Mutter allein, sondern Doktorin der Geschichtswissenschaft, gerade an einem Buch arbeitend und auf der Suche nach einem Ausweg aus dem mütterlichen Einerlei. Ihr Mann Giles bricht allmorgendlich zu den nahe gelegenen Klippen der Insel auf, auf welcher sie einigermaßen isoliert den Sommer verbringen.

Die Ornithologie ist sein Fachgebiet, der Papageientaucher sein Forschungsobjekt. Sein Tagesablauf damit bereits bestimmt. Anna, die von Selbstzweifeln über das richtige Muttersein geplagt ist, buddelt indes mit Raph eine Kinderleiche im heimischen Obstgarten aus. Wochenlang wird der Junge nun nicht schlafen können und die lokale Polizei macht sich bereits daran, herauszufinden, wer für den Tod des ausgegrabenen Kindes verantwortlich sein könnte.

Auch wenn Anna mit dem toten Kind nichts zu tun zu haben scheint, trübt sich ihre Umgebung mit einem Male feindselig ein. Ob Polizist, Ehemann oder Nachbar, ihnen allen scheint sie nicht gerecht zu werden. Weder als Mutter, noch als Wissenschaftlerin. Und überhaupt, wie komme sie denn auf die abstruse Idee, derlei überhaupt vereinen zu wollen.

Dem Kopfschütteln ihres Umfelds begegnet Anna mit Kampfgeist und Disziplin, denn Feminismus ist kein Geschenk, will erkämpft und verteidigt werden.

Dem Kopfschütteln ihres Umfelds begegnet Anna mit Kampfgeist und Disziplin, denn Feminismus ist kein Geschenk, will erkämpft und verteidigt werden. Das erledigt Anna aber nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der historischen Forschung, indem sie nämlich selbst Forschungen zur Geschichte der Insel anstellt und der Frage nachgeht, warum sie eine Kinderleiche im Garten hat.

Fortan folgt der Roman neben der Familiengeschichte auch der geschichtswissenschaftlichen Spurensuche durch die Jahrhunderte. An diesen Stellen tritt die Mosssche Provenienz zu Tage, da sie selbst einen Lehrstuhl in England innehat und entsprechend mit wissenschaftlichem Arbeiten hervorragend vertraut sein dürfte. Ihr präziser Stil wirkt allerdings insgesamt etwas verkrampft und lässt humoristische Stellen etwas gedämpft wirken, während es ihr gut gelingt, drückende Stimmungen zu beschreiben.

Moss zeichnet schöne Figuren, die sich an sich und der Insel abarbeiten. Warum die selbstbewusste Anna ihrem Mann allerdings nicht ein mehr der Reproduktionsarbeit zumutet, bleibt unverständlich. Trotz schwelendem Konflikt und einem angedeuteten Mordversuch ergeht sich das Buch in einem wenig zufriedenstellenden Ende. Das letzte Drittel der Geschichte flacht dramaturgisch deutlich ab, denn mögliche Geheimnisse sind weitestgehend gelöst und das Familieneinerlei scheint sich auch in seiner Unbestimmtheit gefestigt zu haben. Ihre Folgewerke, die Moss komplett historisch anlegt, sind gegenüber ihrem Debüt deutlich stärker.

Schlaflos | Sarah Moss | mare 2013 | 496 Seiten

Im Angesicht des gestern Mittelstadtrauschen | Margarita Kinstner

Joe liebt Marie. Er liebt sie so sehr, dass er versäumt sie es spüren zu lassen. Was wie ein kitschiger Vorstadtroman anmutet, ist tatsächlich ein weit verzweigtes Beziehungsgeflecht, das mit klugen Wendungen und unterhaltsamen Passagen brilliert. Doch Joe ist tot. Deswegen geht es nur indirekt um ihn, sondern vor allem um Marie und ihr Leben nach seinem Ableben.

Marie, die nun mit Jakob liiert ist. Jakob, der sich zuvor von Sonja trennt, indem er den Kontakt zu ihr abbricht. Sonja, die sich in ihrer Verzweiflung auf Gery einlässt, der wiederum der beste Freund von Joe gewesen ist. Und das sind nur die jungen Charaktere, zu denen ebenso ältere Pendants in Form von Eltern, Großeltern und übriger Verwandt- und Bekanntschaft zählen.

Die Verwobenheit all dieser Figuren steigert sich nur unmerklich, wird aber im Laufe der Geschichte immer verzweigter. Zu Beginn dominiert eine charmante Erzählung junger Menschen aus Wien. Marie und Jakob. Streiflichtartig wie eine kompakte Zusammenschau strickt die Autorin die Geschichte aus der jeweiligen Perspektive der Charaktere weiter. Sie errichtet damit nicht nur spannende Beziehungskonstellationen, sondern schmückt den Roman auch sprachlich mit einer unglaublichen Vielfalt aus.

Die schier endlosen Beschreibungen wirken auf den ersten hundert Seiten beinahe erdrückend. Dabei hält Kinstner ihr hohes Niveau fast durchgehend aufrecht. Das gelegentliche Abflachen wird indes von der sich aufbauenden Handlung getragen, die vor allem durch die starken Charaktere interessant bleibt.

Der Plot an sich ist wenig komplex. Nach Joes Tod taucht ein Testament auf, dass der Leserin suggeriert, im Finale würden alle Stränge zusammengeführt und mehr noch mit einem Knall ungeahnte Verbindungen aufgezeigt. Doch genau diese Relationen offenbaren sich bereits im Laufe der Geschichte. Gekonnt wie beiläufig inszeniert die Autorin generationale Verquickungen, die bis in die Gegenwart ausstrahlen und einsame Geschichten von verbotener Zuneigung, Zurückweisung und dem Verlust geliebter Menschen erzählen.

Der Schwermut aus alten wie jungen Tagen wirft sich zusehends wie ein Schatten über das Geschehen.

Der auch von Pathos getragene Roman verliert mit steigender Seitenzahl seine Leichtigkeit. Der Schwermut aus alten wie jungen Tagen wirft sich zusehends wie ein Schatten über das Geschehen. Mit dieser Entwicklung verschafft Kinstner den Figuren, vor allem Marie, bemerkenswerten Tiefgang und liefert glaubwürdige Entwicklungen, die vorausschauend in die Handlung eingelassen sind.

‚Mittelstadtrauschen‘ ist als ein Roman zu verstehen, der popliterarisch für die österreichische Hauptstadt schwärmt und mit zahllosen Details zu Straßenzügen, Brücken und Veranstaltungsorten aufwartet. Die von Kinstner portraitierten Charaktere hauchen Wien leben ein, lassen es alltäglich wie besonders wirken und plausibilisieren ungemein die Geschichte in ihrem Spannungsverhältnis zwischen Banalität und Besonderheit.

Das sich anbahnende Ende macht sich die zuvor eingeführten interpersonalen Verbindungen zu nutze. Soweit das nicht überraschen mag, verbleiben die letzten Seiten jedoch unter ihrem Potential und enden in einem flirrenden wie gleichsam erwartbaren Rahmen. Dennoch handelt es sich bei dem Roman um ein gut geschriebenes Buch, welches nicht nur sprachlich einen hohen Anspruch erfüllt, sondern auch durch erfrischende Charakterentwicklung begeistert und mit dem dichten Beziehungsnetz aller Figuren die literarischen Fähigkeiten der Autorin darzustellen weiß.

Mittelstadtrauschen | Margarita Kinstner | Deuticke 2013 | 288 Seiten