Von Tieren lernen Der Hals der Giraffe | Judith Schalansky

Die Schule als Reflexionsfläche der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Judith Schalansky kreiert mit ihrem Roman ungewohnte Einblicke in die verkappte Weltsicht der Biologielehrerin Inge Lohmann. Lohmann, die kurz vor der Rente steht, fristet in einer ostdeutschen Kleinstadt ihr Dasein und versteht sich als eine Kämpferin wider der Dummheit, die, auf scheinbar verlorenem Posten, Darwin das Wort redet.

Der größte Teil des Buches besteht in aneinandergereihten Gedankenfetzen von Lohmann, deren Inneres zu Rauschen scheint. Während sie ihren Frontalunterricht gibt, schimpft sie im Geiste auf ihre Schülerinnen und Schüler. Ihre Kritik ist hemmungslos und unnachgiebig. In ihrer Gegenwart ist es schier unmöglich, Gefallen zu wecken.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, was das eigentliche Problem ist. Lohmann ist sehnsüchtig nach einer Welt, die gemäß ihren biologischen Lehren funktioniert, in welcher sich der Mensch der Natur unterwirft oder sie zumindest als ordnendes Prinzip akzeptiert. Der Mensch als natürliche Maschine, jeglicher Empathie entrückt. Diese Idee des Menschseins macht sie zuallererst sich selbst zu eigen. Ihre Klasse regiert sie mit herablassender Kühle und für das Kollegium hat sie nur Spott übrig.

Der Charakter Lohmann ist abstoßend wie gleichsam mitleiderregend. Die Lehrerin als Stellvertreterin für ein untergehendes System, dass allenfalls Sehnsuchtsort bleibt, aber nie wirklich besser war. Schalansky stellt zur Disposition, was gesellschaftlich noch zählt, in einer Welt, in der sich jeder selbst am nächsten ist und die metallene Durchstoßung von Körperteilen zwecks Schmuck mehr Resonanz erzeugt, als die Mendelsche Vererbungslehre.

Gemessen an der Länge des Romans liefert Schalansky unzählige Themen. Die Gedankengänge von Inge Lohmann sind weit verzweigt in der Menschheitsgeschichte und bewegen sich vom Urmenschen bis zum Scheitern der DDR, mit all seinen Implikationen. Vor allem gilt, was Lohmann zum Ende formuliert: Der Mensch baut stets auf der Vergangenheit auf.

Dabei ist es letztlich das, was Lohmann will: Dankbarkeit. Eine Tochter, die ihr Enkel schenkt und sonntags zum Kaffeebesuch erscheint.

Die im Laufe des Buchs auch körperlich abbauende Lehrerin hatte keine schöne Kindheit. Die wenigen Episoden aus ihrer Vergangenheit vermitteln eine Idee von ihrer gewachsenen Empathielosigkeit, die auch vor ihrer eigenen Tochter nicht haltmacht. Dabei ist es letztlich das, was Lohmann will: Dankbarkeit. Eine Tochter, die ihr Enkel schenkt und sonntags zum Kaffeebesuch erscheint.

Dass sich diese Wünsche nicht erfüllen ist tragisch wie symptomatisch für ein Leben, dass nicht ausschließlich mit Naturgesetzen erklärbar ist. Entsprechend muss Inge Lohmann daran scheitern oder zumindest verbittert ihren Rückzug antreten, denn auch die Biologie ist nicht in der Lage, menschliches Verhalten komplett aufzuschlüsseln.

Der mitreißende Strom des Buches ist immens. Schalanksy gelingt es, die bisweilen abstrusen Vorstellungen der Inge Lohmann wortgewandt zu transportieren. Ihr Reservoir für illustrierende Adjektive wie überhaupt Worte schlechthin scheint schier unerschöpflich. Gepaart mit extrem knappen Sätzen, die nicht selten nur drei bis vier Wörter ausmachen, entsteht tatsächlich ein Gefühl, den Gedanken der Protagonistin auf der Spur zu sein.

Seitenlange Assoziationsketten, die, nur unterbrochen vom Unterrichtsgeschehen, richtig Spaß machen. Selbst die Schimpftiraden auf die Klasse und deren Individuen, mit allen ihren Eigenheiten, ist großartige Unterhaltung.

Schalanskys fulminanter Stil ist wie geschaffen für die Innenansichten des greisen Lehrkörpers – zumindest in ihren endlosen Monologen. Die Dialoge im Kollegium wiederum lesen sich eher anstrengend. Da das Lohmannsche Assoziationsfeuerwerk niemals abreißt, ist wenig Raum für andere Charaktere oder deren Konversation. Da sich derlei Stellen aber insgesamt arg begrenzt halten, ist dies nur ein kleiner Wermutstropfen, der ein ansonsten hervorragend geschriebenes Buch kaum zu schmälern vermag.

Der Hals der Giraffe | Judith Schalansky | Suhrkamp 2011 | 222 Seiten