Der Blick zurück Rückkehr nach Reims | Didier Eribon

Didier Eribon ist Philosoph, Soziologe und Professor in Amiens. Amiens? Die nordfranzösische Kleinstadt ist nicht unbedingt das, was in akademischen Kreisen bekannt ist, geschweige denn als Vorzeigeuniversität gilt. Knapp zwei Autostunden von Paris entfernt bietet sie jenem Heimat, für den woanders kein Platz scheint. Was Eribon nämlich auch ist: ein Arbeiterkind. Seine Eltern schuften zeitlebens in einer Fabrik, ein Weg, der ihm auch vorgezeichnet scheint. Mit seinem Buch ‚Rückkehr nach Reims’ zeichnet Eribon autobiographisch den steinigen Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung in den Kreisen, die für ihn und seinesgleichen nicht vorgesehen sind.

Sein Buch ist beides, Rückschau auf sein Leben, aber ebenso soziologische Studie zur Chancengleichheit wie zur verloren geglaubten Arbeiterklasse. Der Mann ist belesen und inzwischen längst eine anerkannte Person der Wissenschaft. Das wird er auch nicht müde zu demonstrieren, denn sein Vokabular ist nicht mehr jenes aus alten Arbeitertagen, sondern ein präzises Instrumentarium um sorgfältig gesellschaftliche Begebenheiten aufzuzeigen und den Finger immer wieder in die Wunde zu legen. Trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs liest sich sein Buch überraschend gut, lediglich im mittleren Teil wirkt es ein wenig von Fachtermini überfrachtet, was dem Gesamtleseeindruck aber kaum schadet.

Wer immer noch glaubt, in der Schule würde gemäß einem meritokratischem Prinzip die Leistung gemessen, hat die letzten Jahrzehnte vermutlich auch keine Zeitung mehr aufgeschlagen.

Es ist lange her, dass Eribon in dem zu Hause war, was für seine Eltern nach wie vor ihr zu Hause ist: Die Grenzstadt Reims. Erst als sein Vater stirbt, besucht er seine Mutter und beginnt seine eigene Geschichte mit jenen Theorien abzugleichen, die er sich jahrzehntelang angeeignet hat. Dabei liefert Eribon aus wissenschaftlicher Perspektive nichts wirklich Neues. Wer immer noch glaubt, in der Schule würde gemäß einem meritokratischem Prinzip die Leistung gemessen, hat die letzten Jahrzehnte vermutlich auch keine Zeitung mehr aufgeschlagen. Schulen sind soziale Platzanweiser, sie dienten und dienen der Allokation, der Verteilung der Berufsmöglichkeiten gemäß der sozialen Herkunft.

Eribons Verdienst indes ist es, auf die Existenz von gesellschaftliche Klassen zu verweisen, ein Umstand, der dieser Tage allzu gerne ignoriert wird. Die Hürden, denen sich der junge Eribon in den 1960er Jahren ausgesetzt sieht, sind klassenimmanente, habitualisierte Verhaltensweisen, die ihn als auffällig, als unpassend markieren. Er ist derjenige, der sich im Gymnasium nicht zu benehmen weiß und seiner Schulausbildung damit beinahe ein jähes Ende setzt. Für seine Eltern ist es ohnehin unverständlich, warum er nicht schon mit 14 arbeitet, gilt höhere Bildung doch als potentielle Gefahr, primär als finanzielle Bedrohung.

Kaum hat Eribon erfolgreich und mit Bravour die Schule absolviert, droht bereits das nächste Unbehagen. Der junge Franzose hat ein abweichendes Begehren, er ist homosexuell und liebt Männer. Dies führt nicht nur zu Unsicherheiten und dem Gefühl von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen zu sein, sondern auch zu Übergriffen selbstgerechter Mitmenschen, die ihre ablehnende Haltung gegenüber deviantem Verhalten mit Gewalt ausleben.

Das in der Geschichte angelegte Drama spitzt sich vor allem dadurch zu, dass Eribon nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern, dass er sie auch erklären, wissenschaftlich untermauern und mit literarischen Erzählungen unterfüttern kann. Auch wenn die Geschichte gewissermaßen ein Happy End mitbringt und Eribon, der gut mit Pierre Bourdieu und Michel Foucault befreundet war, schließlich einen Ruf an eine französische Universität erhält, bleibt ein übler Nachgeschmack. Es sind die steten Hinweise darauf, dass sich viele dieser Gnadenlosigkeiten aus dem Leben Didier Eribons bis heute gehalten haben. Dies stimmt nicht nur nachdenklich, sondern eher erschütternd.

Rückkehr nach Reims | Didier Eribon | Suhrkamp 2016 (2009) | 238 Seiten