Verschwommen Schilf | Juli Zeh

Freiburg ist eine malerische Ökostadt an den westlichen Ausläufern des Schwarzwaldes. Ein Ort der Idylle und des guten Lebens, der Konflikte vordergründig zu kaschieren weiß und genau damit eine angemessene Kulisse für Juli Zehs Geschichte ‚Schilf’ bietet. Die Wirkung dieser schönen Welt ist bezaubernd und die dort lebenden Menschen ebenso. Der Roman bedarf nur weniger Seiten, bis die Dynamik der Charaktere die Leserin in ihren Bann schlägt und tiefer in die Gedanken der Figuren zieht. Der Physikprofessor, der CERN-Forscher, die Galeristin und das Kind. Wohnhaft in der Schweiz, in Deutschland, in Genf, in Freiburg. Sie alle sind miteinander verbunden. Durch Freundschaft, Liebe, Ehe, Blut.

Juli Zeh schreibt von aufrechter Zuneigung und unbedingter Verbundenheit, die alles übersteigt und kaum Platz für etwas dazwischen lässt. Die intensive Beziehung der Figuren trägt viel in diesem Roman. Aber auch darüber hinaus hat ‚Schilf’ einiges zu bieten. Eifersucht, Entscheidungen, Mord. Vor allem aber Zeit. Immer wieder Zeit. Neben dem sich irre drehenden Freundschaftskarussell, dass schließlich seinen Tribut fordert, beschreibt Zeh einen fortwährenden Schlagabtausch zwischen Mensch und Wissenschaft. Zeit ist nicht umkehrbar, sie gibt nichts von dem zurück, was sie nimmt. Was aber, wenn Zeit parallel existiert, mehrere Universen mit verschiedentlichen Abläufen nebeneinanderstehen?

Es sind solche philosophischen Gedankenspiele, denen die beiden Physiker verfallen sind und die nach und nach Realität und Fiktion in ihrem Alltag verwischen. Dank Zehs dichter Beschreibungen werden derlei Elemente, die sich auch nahtlos der Science-Fiction zuordnen ließen, plausibilisiert. Nicht umfassend aber gleichwohl akribisch werden physikalische Begebenheiten im Zwiegespräch der Figuren aufbereitet. Diese Thematik ist für sich genommen bereits sehr lesenswert, denn die Autorin macht das Brennen der Forscher spürbar und ermöglicht damit großes Identifikationspotential. Doch damit nicht genug: Eine Entführung, ein Krankenhausskandal und schließlich die Polizei. Mit fortschreitenden Seiten erfährt die Geschichte eine wohlkomponierte Dramaturgie, die auch sprachlich sehr stark daherkommt.

Zeh verwebt elegant Detailreichtum mit eingehenden Charakterzügen und wunderbaren literarischen Kniffen.

Zeh verwebt elegant Detailreichtum mit eingehenden Charakterzügen und wunderbaren literarischen Kniffen. Vorbeiwatschelnde Enten, die eingangs irritieren, werden sukzessive zu nicht immer stummen Zeugen der Geschichte und konterkarieren überdies den linearen Realitätsverlauf. Dem im Vordergrund stehenden Physikerstreit wird im Laufe des Buchs eine kriminologische Perspektive hinzugefügt. Eine Kommissarin und ein Kommissar, die gänzlich anders funktionieren, aber durch ihr Eigenbrötlertum vereint sind, tasten sich mit je eigenen Methoden an das Leben und die Ideen der Herren Wissenschaftler heran.

Das Auseinanderhalten von Zufall, Ursache und Wirkung oder schlichtweg der eigenen Wahrnehmung gerät im Laufe der Ermittlungen zusehends zur kriminalistischen Herausforderung. Indes ist keineswegs klar, wer nun geistiger Umnachtung anheimgefallen ist, denn die unsäglichen Kopfschmerzen des ermittelnden Kommissars scheinen dann und wann auch seine Sinne zu trüben. Obwohl Juli Zeh keinen Kriminalroman vorgelegt hat, wartet ihr Werk mit einigen Elementen auf, die aus diesem Genre entlehnt sind. Dies, gepaart mit den großartig herausgearbeiteten Figuren, sorgt für ein hervorragendes Lesevergnügen. Bis zuletzt gelingt es Zeh, auch aus den banalsten Szenen ein Feuerwerk des gekonnten Erzählens und Illustrierens zu generieren.

Schilf | Juli Zeh | Schöffling & Co. 2007 | 380 Seiten

Das Ich ist ein Anderer Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt | Haruki Murakami

Semioten, Schwärzlinge und dicke Frauen. Die Fantasiewelt des preisgekrönten Haruki Murakami changiert zwischen Fakt und Fiktion. Während in seinen späteren Werken die Ausflüge in transzendente Sphären eher beiläufig platziert oder von den Charakteren selbst in Frage gestellt werden, scheint in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ alles natürlich zu sein.

Zumindest für den namenlosen Protagonisten, der sich als Kalkulator verdingt und Datenreihen für das System und gegen die Fabrik verarbeitet. System und Fabrik werden als Gegenpaar aufgezogen, die wechselseitig um Einflussnahme ringen. Der whiskeyliebende Kalkulator stellt aber alsbald fest, dass sich System und Fabrik womöglich ähnlicher sind, als es den Anschein hat, womit er seine Umgebung als orwellsche Kulisse entlarvt, die nur eine scheinbare Auseinandersetzung suggeriert und sich in Wahrheit selbst reguliert.

Derlei Gedankengänge bleiben aber offen, wie so vieles in der undurchsichtigen Welt, die mehr Fragen aufwirft, als Antworten gibt. Der Erzählstrang ist paralleler Natur. Zum einen gibt es die Geschichte des Kalkulators, der von einem Professor einbestellt wird, um für diesen Daten zu shufflen. Das Shufflen ist ein Geheimprogramm des System, weswegen es keine Überraschung ist, dass sich an diese Tätigkeit Probleme anschließen. Der Kalkulator wird eingeschüchtert, seine Wohnung demoliert und er bekommt einen Einhornschädel geschenkt.

Die dort lebenden Menschen sind seelenlos und gehen stumpf ihren Tätigkeiten nach, für die sie weder Freude noch Trauer empfinden.

Die andere Geschichte spielt am Ende der Welt. Das Ende der Welt ist eine kleine Stadt, die durch eine robuste Mauer begrenzt wird, und außer dem Eingangstor keinen weiteren Zugang kennt. Die dort lebenden Menschen sind seelenlos und gehen stumpf ihren Tätigkeiten nach, für die sie weder Freude noch Trauer empfinden. Teilnahmslos aber irgendwie zufrieden gleitet der Tag an der Stadt vorbei.

Der Protagonist dieser Stadt ist der Traumdeuter, der in der Bibliothek Träume aus Totenschädeln liest. Die Anfangs geringen Überschneidungen der beiden Stränge werden mit fortschreitender Geschichte mehr, bis sich herauskristallisiert, wodurch sie verbunden sind. Bis dahin funktionieren aber beide Geschichten für sich genommen hervorragend und bieten ihre ureigene Erzählung.

In dem 1985 erschienen Roman ist bereits der Prototyp von Murakamis Charakteren erkennbar. Der Kalkulator lebt alleine, trinkt, raucht, kennt sich mit klassischer Musik und Jazz aus und hat so ziemlich alles gelesen, was als literarische Hochkultur gehandelt wird. Was in seinen anderen Büchern besser harmoniert, wirkt hier bisweilen etwas unpassend. Zumal sich erst nach und nach herausstellt, wie unendlich gebildet der Kalkulator zu sein scheint.

Darüber hinaus glänzt Murakami nicht gerade mit seinem Frauenbild. Weibliche Charaktere werden objektiviert und von ihrer Körperlichkeit auf ihre sexuellen Fähigkeiten geschlossen. Auch das nimmt in seinem Gesamtwerk etwas ab, ist in dieser frühen Phase aber stellenweise haarsträubend und auch aufgesetzt.

Von diesen Punkten abgesehen, liefert Murakami ein starkes Buch, dass trotz seiner Länge nur bei wenigen Passagen eine gewisse Langatmigkeit erzeugt. Seine Bildsprache ist phänomenal, was auch die nicht immer geglückte Übersetzung kaum zu schmälern vermag. Die von ihm erzeugten Welten sind detailreich gespickt und ziehen unmittelbar in ihren Bann.

Der zum Teil flapsige Stil tariert sorgsam das Verhältnis zwischen ernsthafter Geschichte und absurden Ereignissen, von denen es nicht wenige gibt. Seine Stärke liegt in „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ vor allem in die Schilderung alltäglicher Sequenzen, die die Charaktere beim Arbeiten oder Essen begleiten.

Der Plot an sich ist kein schlechter und gerade die Welt des Hard-boiled Wonderland verbleibt faszinierend wie mysteriös im Gedächtnis. Dennoch reicht der Roman nicht an spätere Veröffentlichungen wie IQ84 heran, wo Murakami neben seiner Sprachgewalt noch eine verzweigtere wie ebenso packendere Geschichte kreiert.

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt | Haruki Murakami | btb 2007 (1985) | 507 Seiten