Die Liebenswürdigkeit von Skurrilitäten Grand Hotel | Jaroslav Rudiš

Ursprünglich ist mir Rudiš in einer Ausgabe der le monde diplomatique begegnet, wo ich nach Lesen seines Artikels den Eindruck hatte, dass hier kein Journalist, sondern ein Literat zugange war. Da mein Eindruck zutraf wollte ich gleich noch mehr von ihm lesen. Der vielversprechendste Titel erschien mir ‚Grand Hotel‘, aus dessen Innenleben ich nun berichten kann.

Die Hotelerie an sich ist ja ein mitunter ominöser Geschäftszweig. Menschen wohnen heute hier und morgen dort, gemeinhin der Albtraum jedes soliden Überwachungsstaates, oder einfach nur jeglicher Obrigkeit, die gerne eine Meldeadresse zur Hand hat. Im Grand Hotel des Rudiš geht es indes gediegener zu. Die Zahl der Gäste ist überschaubar und so sind die Charaktere eher mit sich beschäftigt, als mit Kundschaft.

Fleischman ist der Vor- und Zuname des Helden. Ein Tscheche, der über unglückliche Zufälle an einen entfernten Cousin gerät, der wiederum das Grand Hotel auf dem höchsten Berg der Stadt betreibt. Ein Ort, an dem niemand so recht bleiben will und viele auch nur zum Sterben kommen. Versuche, eine Suizidalindustrie aufzubauen misslingen aber, denn auf das Schild des Hotelbesitzers, dass Selbstmörder sich doch anmelden mögen, reagiert niemand.

Der Roman bietet durchweg eine Fülle an abstrusem wie herzlichem Humor. Zu Anfang entsteht noch der Eindruck, dass der junge Fleischman ein reichlich durchgeknallter Zeitgenosse ist. Je mehr der übrigen Charaktere allerdings vorgestellt und mit weiteren Lebensgeschichten illustriert werden, desto eher wird klar, dass Fleischman vielleicht die liebenswürdigste Person in einem einzigen Irrenhaus ist.

Rudiš schreibt rasant und direkt, die Handlungen finden unmittelbar und ohne große Anbahnung statt. Dem zuträglich ist das stakkatoartige Changieren zwischen den Personen. Grundsätzlich geht es um die Perspektive Fleischmans, die aber durch vielerlei Facetten ausgeleuchtet wird, je nachdem, mit wem er gerade unterwegs ist oder wer ihn anschreit, verprügelt oder mit Geld eindeckt.

Fleischman erklärt nebenbei und ungefragt diverse Wetterlagen und mausert sich damit zu einem sympathischen Freak.

Thematisch spielt sich das Leben Fleischmans vor allem sehr weit oben ab. Er hat eine Neigung für das Wetter und seine Phänomene. Kaltfronten, Wetterleuchten, Sturmtiefs. Fleischman erklärt nebenbei und ungefragt diverse Wetterlagen und mausert sich damit zu einem sympathischen Freak.

Sein Gegenüber ist vor allem Jégr, sein Chef und irgendwie Verwandter. Jégrs Vokabular ist begrenzt und bezieht sich auf die Umschreibungen weiblicher Körper, Sexualpraktiken und Devotionalien lokaler Sportvereine. So locker wie seine Sprache sitzen auch seine Fäuste. Der als völliger Proll inszenierte Hotelchef ist schier unerträglich. Selbst die absurden Wetterepisoden von Fleischman können das nicht immer wettmachen.

Die wirklich vielseitige Geschichte steht sich leider ab und zu auch selbst im Weg, was ärgerlicherweise an einer Stilfrage hängt. Rudiš setzt permanente Cliffhanger, erzählt Episoden nur zur Hälfte oder nur in einem Halbsatz und vertröstet dann die geneigte Leserin. So amüsant das etwa fünfmal anmutet, so nervig wird es, wenn es einfach nicht aufhören will. Auch die häufig direkte Ansprache der Leserin verwirrt meines Erachtens eher, als das es die ohnehin humoristischen Geschichten stützen würde. Was Rudiš allerdings kann, ist das gnaden- wie schnörkellose Erzählen skurrilster Details und Verstrickungen. Gerade das episodenhafte Schildern des Fleischmanlebens, der sich ausschließlich von Keksen ernährt, vermag zu überzeugen und macht das Buch zu einem schnellen Lesevergnügen.

Grand Hotel | Jaroslav Rudiš | Luchterhand 2006 | 238 Seiten