Wissenschaft als Lebensinhalt Die Vermessung der Welt | Daniel Kehlmann

Wissenschaftliche Abhandlungen lesen sich seltenst spannend, denn im Fokus steht die Wissensvermittlung, nicht die Unterhaltung der Lesenden. Zugegeben, ‚Die Vermessung der Welt‘ ist kein Sachbuch und dennoch spielt der Autor mit einer gewissen Wissenschaftlichkeit. Das mag auch an den beiden Protagonisten seines Romans liegen, die in der akademischen Welt wahrlich keine Unbekannten sind.

Einer von beiden ist Alexander von Humboldt. Er prägte als Forschungsreisender im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich die europäischen Naturwissenschaften. Die älteste und zweitgrößte Universität von Berlin trägt seinen Namen, wenngleich sie nicht von ihm, sondern von seinem älteren Bruder Wilhelm gegründet wurde. Der zweite Protagonist ist der Mathematiker Carl Friedrich Gauß, der seinerzeit als Fürst der Mathematiker bekannt war. Dieser Titel lässt bereits erahnen, was Gauß mathematisch auf dem Kerbholz hatte. Er lieferte entscheidende Beiträge zur Zahlentheorie, war aber auch auf anderen Gebieten wie Astronomie oder Magnetismus nicht untätig.

Diesen beiden Superstars der Naturwissenschaftsszene widmet Kehlmann in seinem Roman eine Art humoristische Biographie. Abwechselnd berichtet der Autor aus dem Leben von Gauß und Humboldt. Ausgehend von deren Kindheit wird die Entwicklung hin zu renommierten Wissenschaftlern beschrieben, die immer wieder Berührungspunkte haben.

Spannend ist dabei der aufgegriffene Zeitgeist. Kehlmann beschreibt die Geschichte mit einem ungläubigen, fast ethnographischen Blick, der wunderbar die Haltungen und Vorstellungen vergangener Tage hervorhebt. Dies wird besonders deutlich, weil Humboldt adelig ist und Gauß als Arbeiterkind Glück hat, dass er, statt verprügelt zu werden, von seinem Lehrer auf ein Gymnasium empfohlen wird. In dieser Distanz zur Zeit liegt auch die Stärke des Buchs, das altertümliche Regularien persifliert, akzeptiert oder (besonders durch die Figur Humboldt) ironisiert.

Da es sich um Männer von Wissenschaft handelt, sind immer wieder Ausflüge in die jeweiligen Disziplinen eingebettet, die spielerisch das Interesse für komplexe Sachverhalte aus Mathematik und Co. wecken.

Die Sätze sind knapp und äußerst prägnant, was einen handwerklich sehr angenehmen Schreibstil ergibt. Da es sich um Männer von Wissenschaft handelt, sind immer wieder Ausflüge in die jeweiligen Disziplinen eingebettet, die spielerisch das Interesse für komplexe Sachverhalte aus Mathematik und Co. wecken. Das reicht zwar nicht, um tatsächlich inhaltlich in derlei Thematiken einsteigen zu können, aber das grundsätzliche Interesse, nicht zuletzt am wissenschaftlichen Personal, wird allemal geweckt.

Die Charaktere selbst sind Nerds. Sowohl Gauß als auch Humboldt brillieren auf dem wissenschaftlichen Parkett mit Berechnungen und Beobachtungen, die niemand außer ihnen verstehen mag. Indes sind sie im sozialen Umgang vor allem recht einfältig. Dieser Bruch macht sie sympathisch und sorgt lange Zeit für gute Leseunterhaltung. Leider verblassen diese Skurrilitäten bereits in der Mitte des Buchs, weil die Spleens der beiden allzu erwartbar für Furore sorgen. Zum Ende fühlte ich mich dann wie die Protagonisten selbst ein wenig alleine und zurückgelassen. Während ich anfangs gefesselt und gut mitgenommen wurde, verkommen die Wissenschaftler zum Ende zu Parodien ihrerselbst.

Dennoch bleibt ‚Die Vermessung der Welt‘ ein lesenswertes Buch, was sehr flüssig geschrieben ist und mit einigen Überraschungen aufwartet. So wird etwa vermittelt, dass Goethe zunächst den sogenannten Neptuniern anhing, ein Wissenschaftskreis, der die Auffassung vertrat, dass die Erde im Innern kühl und keineswegs heiß sei. Insgesamt also ein unterhaltsames Buch, das Wissenschaft angenehm als biographisches Thema nahezubringen weiß. Vor der gleichnamigen Filmadaption aus dem Jahre 2012 kann ich indes nur warnen, die sympathischen Charaktere, vor allem Gauß, erscheinen auf der Leinwand grotesk entstellt.

Die Vermessung der Welt | Daniel Kehlmann | Rowohlt 2005 | 302 Seiten