Freiheit und andere Mythen Er, Sie und Es | Marge Piercy

Bereits die Widmung des Buches mutet interessant an. Marge Piercy gedenkt auf der ersten Seite Primo Levi, der der geschichtlich informierten Leserin als Überlebender der Shoah bekannt ist und mit seiner Autobiographie ‚Ist das ein Mensch?’ die Schrecken seiner Gefangenschaft im KL Auschwitz II verarbeitet hat. Jenes Auschwitz also, das bis heute sinnbildlich für die Gräuel der Deutschen an der jüdischen Bevölkerung steht.

Zeitlich startet Piercy dann allerdings etwa einhundert Jahre später. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ist die Welt eine andere, als wir sie heute kennen. Die Umwelt weitestgehend zerstört und das Land rundherum aufgeteilt zwischen wenigen mächtigen Konzernen. Dazwischen einige Städte, die als Enklaven einen freien Status haben und die endlosen Unweiten des Glop. Jener Bereich, in denen die meisten Menschen leben – ohne Schutz vor der allgegenwärtigen, gesundheitsschädigenden Strahlung.

Heldin des Romans ist Shira, die, ursprünglich aus der freien Stadt Tikva stammend, inzwischen für einen der großen Konzerne arbeitet. Anstatt das Leben mit Mann und Kind zu genießen, verbringt sie ihre rare Freizeit mit dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn. Vom Mann längst getrennt scheint ihr Sohn Ari der einzige Antrieb, der ihr im Konzerneinerlei bleibt. Als das Familiengericht gegen sie entscheidet und ihr Mann samt Kind auf eine extraterrestrische Kolonie versetzt wird, entschließt sich Shira nach Tikva zurückzukehren.

Seite an Seite mit ihrer Mutter Riva und ihrer Großmutter Malkah stellt Shira fortan ihr Leben in den Dienst der Freiheit.

Kaum dort angekommen, sieht sich Tikva von den Konzernen bedrängt und droht im Cyberkrieg, in welchem die modernen Konflikte ausgetragen werden, unterzugehen. Seite an Seite mit ihrer Mutter Riva und ihrer Großmutter Malkah stellt Shira fortan ihr Leben in den Dienst der Freiheit.

Gleichzeitig ist dies auch die Geburtsstunde von Yod, einem Roboter, der zur Verteidigung der Stadt erdacht wird. Fortan berichtet Piercy nicht nur aus dem dystopischen Tikva, sondern auch aus dem jüdischen Ghetto von Prag im ausgehenden 16. Jahrhundert. Die dortige Gemeinde leidet unter der Tyrannisierung der christlichen Bevölkerung, woraufhin der Rabbi, ein Anhänger des mystischen Kabbalismus, zur Verteidigung einen Golem erschafft. Mithilfe dieser beiden Erzählstränge gelingt es Piercy, Vergangenes mit Zukünftigem zu verweben und dabei die moralische Frage zu stellen, wer wann wen unter welchen Umständen berechtigterweise umbringen darf.

Piercy bleibt aber nicht bei derlei philosophischen Abhandlungen stehen, sondern glänzt ebenso mit klaren feministischen Positionen, die sie als Kennerin von Shulamith Firestone und Donna Haraway ausweisen. Theoretikerinnen also, deren Anliegen es war, die Reproduktionsrolle der Frau in Frage zu stellen. Entsprechend liefert Marge Piercy starke Frauenfiguren, die selbstbestimmt und lustbetont ihr Leben führen und so für ein ungewohnt erfrischendes Lesevergnügen sorgen, das im Gros übriger Bücher oft ausbleiben dürfte.

Garniert wird der Roman zudem mit einer Fülle von jüdischen Worten, Namen und Riten, was trotz der zeitgeschichtlich unterschiedlichen Handlungsorte für eine äußerst dichte Atmosphäre sorgt. Spätestens als Piercy einen unmissverständlichen Rückgriff in Richtung Auschwitz vornimmt, schließt sich der Kreis zwischen dem fiktiven Tikva, dem historischen Prag und der jüngeren deutschen Geschichte. Es ist sich dies und weniger der zwar durchweg gute, aber wenig brillante Stil der Autorin, was das Buch zu einem Leseerlebnis macht und gekonnt Cyberfeminismus mit einem Andenken an die Shoah verbindet.

Er, Sie und Es | Marge Piercy | Argument 2016 (1991) | 552 Seiten