Sehnsuchtsvoll Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins | Milan Kundera

Die unwahrscheinliche Geschichte von Tomas und Teresa ist eine Liebesgeschichte. Geprägt von Anziehung und Hingabe, wie von Eifersucht und Wehklagen. Mit seinem äußerst breit rezipierten Buch ‚Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins’ entführt Milan Kundera die Leserin in das unter sowjetischer Besatzung ächzende Prag. Dort begegnen sich die beiden Liebenden. Sie, die Servierdame, die eigentlich aus einer Provinzstadt kommt, dann aber Tomas Nähe sucht und schließlich findet. Er, der als passionierter Chirurg vor allem für seinen Beruf schwärmt aber ebenso eine Leidenschaft für Frauen hat.

Es ist sich auch dies, eine heterosexuelle Paarbeziehung, die an den Grenzen der Monogamie leidet und erst sehr spät einen Umgang damit finden kann. Bis dahin ist es vor allem Tomas, der fortwährend andere Frauen zwecks Beischlaf aufsucht. Um Teresa mehr Sicherheit zu geben, schließt er zwar den Bund der Ehe mit ihr, aber das führt nicht zur Schließung ihrer Beziehung, sondern lediglich zu neuem Vokabular. Von Seitensprung und Betrug ist nun die Rede, Tomas’ Verhalten damit moralisch illegitim. Doch Tomas ficht das kaum an. Er braucht die vielen Sexualkontakte für sein Selbstbild, für das, was er als seine Freiheit versteht.

Weitere Männer und Frauen verdichten das Ensemble und sorgen durch manch unerwartete Verbindung für Abwechslung und Tiefgang der Geschichte.

Kundera entwirft mit seinem Protagonisten einen dominanten Mann, der sich nimmt, wonach ihm gelüstet und der überrascht ist, wenn Frauen ebenfalls sexuelle Wünsche äußern oder den seinen nicht entsprechen wollen. Der Roman begnügt sich aber nicht nur mit Tomas und Teresa, sondern hat noch andere Figuren in petto, die ebenfalls amouröse Zweisamkeit äußerst wichtig finden. Weitere Männer und Frauen verdichten das Ensemble und sorgen durch manch unerwartete Verbindung für Abwechslung und Tiefgang der Geschichte.

Die vom Autor entworfenen Bilder sind indes nicht allzu stark; das Buch ist vergleichsweise detailarm. Genau das lässt aber die Liebesbeziehung besonders erstrahlen, da die tiefe Zuneigung der Hauptfiguren umso deutlicher hervortritt, je mehr das Übrige in den Hintergrund rückt. So gerinnt die zweifellos spannende Geschichte des historischen Prag zur schieren Kulisse, drängt sich mal mehr mal weniger auf, wird aber erst dominanter, als auch die Liebe zwischen Teresa und Tomas zu verblassen scheint.

Ab diesem Zeitpunkt gerät das Politische in den Vordergrund, wo sich Kundera an der tschechischen Geschichte abarbeitet. Dies geschieht auch über philosophische Elemente, die immer wieder eingewoben werden, aber nicht immer harmonieren, sondern als Irritation stehenbleiben, die sich nicht in das Gesamtbild einzupassen vermögen. Insgesamt ist es aber schön zu lesen, wie Kundera die immer auch verzweifelte Liebe mit historischer Tiefe füllt und mit intellektuellen Ausflügen in die Weltliteratur zu spicken weiß.

Herausragend ist daneben auch der Werdegang der Liebesbeziehung, der von Beginn an in einer gewissen Unklarheit begriffen ist und sich sukzessive zu verselbstständigen scheint. Erst Prag, dann Genf, dann wieder Prag. Schließlich die Arbeit als Chirurg, als Fotografin, als LKW-Fahrer. Die Jahre fliegen dahin, die Entscheidungen sind bereits getroffen. Waren es die richtigen? Eine mehrfach auftauchende Frage, für die Kundera auch sogleich die Antwort mitliefert: Sie kann nicht beantwortet werden, da es nur ein Leben gibt und keinen zweiten Versuch, wo sich probeweise für das Gegenteil entschieden werden könnte. Somit ist jeder Moment gleichsam wertvoll, auch wenn wir ihm keine Beachtung schenken. Auch das ist sie, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins | Milan Kundera | Fischer Taschenbuch 1984 (1990) | 302 Seiten