Die Geister die sich riefen Die Ermordung des Commendatore I | Haruki Murakami

Das neue Werk von Haruki Murakami ist in vielerlei Hinsicht überdurchschnittlich, ohne sich allzu sehr von seinen vorherigen Veröffentlichungen zu entfernen. Die Geschichte an sich ist dabei gar nicht so herausragend, sondern es sind murakamitypische Elemente die in bisher unbekannter Stärke hervortreten. Protagonist seines Romans ist eine Figur, die inzwischen als Prototyp seiner Werke gelten dürfte. Ein lediger Mann um die dreißig, der sein Geld mit etwas Künstlerischem verdient, sich nicht in einer festen Beziehung befindet und zu seiner eigenen Überraschung Erfolg bei Frauen hat. Nicht zu vergessen die Kenntnis klassischer Musik, sowie ein Verständnis für die Getränkekarte einer mittelgroßen Bar. Denn auch in ‚Die Ermordung des Commendatore’ zeigt sich, dass Murakami einst Jazzbarbetreiber in Tokio war und sich somit Aspekte des Autors auch in den Charakter geprägt haben mögen.

So erwartbar sein Hauptcharakter gestaltet ist, so eindringlich ist aber auch die Geschichte geschrieben. Einmal mehr gelingt es Haruki Murakami zahllose Vergleiche und Metaphern hervorzuzaubern, die nur in den seltensten Fällen merkwürdig anmuten, sondern fast immer einer überzeugende Stimmung generieren. Hierzu zählt ebenso das Wetter, zumeist ist es Regen, was sich formidabel und wie wohlkomponiert in die Atmosphäre einfügt.

Es gelingt ihm kaum, sein Gegenüber zu zeichnen, er sieht sich außerstande die entscheidenden Merkmale zu Papier zu bringen.

Die Rahmenhandlung besteht aus einem Portraitmaler, der sich eigentlich von seinem Handwerk distanzieren möchte, durch einen äußerst lukrativen Auftrag aber doch noch einmal den Pinsel zückt. Fortan macht der Porträtist vor allem die Erfahrung, dass sich etwas geändert haben muss. Es gelingt ihm kaum, sein Gegenüber zu zeichnen, er sieht sich außerstande die entscheidenden Merkmale zu Papier zu bringen. Hinzu kommt, dass ihn sein wohlbegüterter Auftraggeber mit Namen Menshiki nicht nur für die Kunst engagiert, sondern überdies noch andere Dienstleistungen anfragt. Um die Überforderung des Protagonisten weiterzutreiben erklingt zudem eines Nachts aus einem unterirdisch gelegenen Schrein eine Glocke. Ab diesem Zeitpunkt erhält das Mythische in den Roman Einzug und begleitet den Porträtmaler.

Dazwischen gibt es die ein oder andere Frauengeschichte, die Murakami wesentlich deutlicher und sexuell zugespitzter beschreibt, als es in seinen übrigen Romanen Praxis ist. Gleich an mehreren Stellen betritt er damit fragwürdiges Terrain, ohne dass klar würde, dass die Geschichte davon profitierte. Auch diesbezüglich ist sein Roman eine Steigerung. Daneben liefert Murakami aber ebenso Bezüge zum nationalsozialistischen Deutschland. Auch dies, gewissermaßen zum murakamischen Standardrepertoire gehörend, erfährt eine klare Hervorhebung. Es bleibt nicht beim bloßen Erwähnen, sondern die deutsche Vergangenheit wird aktiv in die Geschichte eingebunden und nimmt schließlich sogar einen äußerst prominenten Platz im Buch ein.

Mit dieser Fokussierung wirkt ‚Die Ermordung des Commendatore’ gereift, wie ein Produkt, bei welchem sich zusehends herauskristallisiert, was die wichtigsten Ingredienzien sind. Dabei darf, und auch dies bleibt keineswegs aus, kein Verweis auf den Prager Franz Kafka fehlen, zu dessen Leben und Wirken Haruki Murakami offenbar immer noch etwas mehr zu erzählen weiß. Insgesamt liefert Murakami ein typisches, wenngleich drastischeres Werk, dass hervorragend lesbar ist und durch die dem Autor eigene Bildsprache glänzt. Die Strategie des Verlags, aus der Geschichte zwei Bände zu machen, ist indes kein Glanzstück, sodass man sich am Ende des Buchs bisweilen etwas verloren fühlen dürfte, denn für sich alleine vermag der erste Teil nicht zu stehen.

Die Ermordung des Commendatore I | Haruki Murakami | Dumont 2018 | 480 Seiten

Was gestern war wird morgen sein Die Schmetterlingsfängerin | Margarita Kinstner

Eine Familiengeschichte aus mehreren Zweigen, die sich endlos zu verflechten scheinen und bis in die Gegenwart ausstrahlen. Im Mittelpunkt Katja, die gerade ihr Leben umkrempelt, in ein anderes Land und mit ihrem Liebhaber zusammenziehen möchte. Schwanger ist sie obendrein, für eine Ehe indes fühlt sie sich zu progressiv. Ihre Reise führt sie von Österreich nach Bosnien, wobei sich erst sehr spät herauskristallisiert, dass es nicht so sehr um Katjas Zukunft, sondern um ihre Vergangenheit geht. Um ihre Eltern und um ihre Verwandtschaft. Letztlich um ihre Herkunft, die sie einige Generationen zurückverfolgt und versucht, sich ein Bild über das zu machen, was sich vor Jahrzehnten im beschaulichen Lusniztal, der Herkunftsort ihrer Urgroßeltern, abgespielt hat.

Von Beginn an führt Margarita Kinstner unzählige Figuren ein, die erst im Verlaufe der Geschichte verortet werden können. Anfangs ist es vor allem das, ein gnadenlos überfrachteter Einstieg, der zunehmend Verwirrung stiftet und sorgfältig zu verschleiern droht, worum sich der Roman dreht. Die zahlreichen Personen sind zwar alle sinnhaft miteinander verbunden, aber um das nachvollziehen zu können, ist das Buch schon zur Hälfte gelesen. Insofern sind es vor allem die ersten Kapitel, die einigermaßen steinig daherkommen und zu viele Angebote machen, wie Kinstners Roman verstanden werden kann.

Erst in der Kombination mit der Familiengeschichte erhält auch Katjas gegenwärtiges Leben einen gewissen Tiefgang.

Sobald die Protagonistin Katja dann aber beginnt, in Archiven und persönlichen Gesprächen Licht in das Dunkel ihrer familiären Vergangenheit zu bringen, treten gerade diese Passagen als höchst unterhaltsam hervor. Fortan sind es die Wechsel, zwischen Episoden der Ahnenforschung und der aktuellen Lebensgeschichte von Katja, die sukzessive die Liebesbeziehung zu ihrem Freund und die Entstehung der Idee, nach Bosnien überzusiedeln nacherzählt. Erst in der Kombination mit der Familiengeschichte erhält auch Katjas gegenwärtiges Leben einen gewissen Tiefgang.

Die Autorin schreibt wortgewandt mit Hang zur Detailverliebtheit, die auch besonders von den österreichischen Wörtern getragen wird, die für das ungeübte Auge besonders auffällig sind. Zur Stärke ihres Debüts findet Kinstner allerdings nicht zurück. Den dort gestalteten Beziehungskonzeptionen zwischen den Figuren scheint sie zwar nachzueifern, aber es vermag ihr nicht in dieser vormaligen Komplexität zu gelingen.

Somit verharrt ‚Die Schmetterlingsfängerin’ zwischen einer Familiengeschichte und der Entwicklung einer jungen Frau, was in der Summe zwei schale Perspektiven ergibt, die je für sich funktionieren, aber in der Kombination einen deutlich größeren Entwicklungsraum brauchen. Bei einem Seitenumfang von knapp dreihundert muss die eigentlich nötige Ausgestaltung zwangsläufig an ihre Grenzen stoßen. Zum Ende wird tatsächlich noch vieles geglättet, aber richtig rund wird die Geschichte damit auch nicht mehr.

Trotzdem sind gerade die letzten Seiten stark geschrieben, hier verwebt Kinstner alle Stränge des Plots ineinander und konturiert dadurch viele Figuren nochmals klar. Damit bleibt der Roman zwar unter seinem Potential zurück, liefert aber dennoch aufregende Charaktere und immer wieder gelungene Bilder, die die einzelnen Kapitel für sich sehr lesenswert machen.

Die Schmetterlingsfängerin | Margarita Kinstner | Deuticke Verlag 2015 | 288 Seiten

Sehnsuchtsvoll Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins | Milan Kundera

Die unwahrscheinliche Geschichte von Tomas und Teresa ist eine Liebesgeschichte. Geprägt von Anziehung und Hingabe, wie von Eifersucht und Wehklagen. Mit seinem äußerst breit rezipierten Buch ‚Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins’ entführt Milan Kundera die Leserin in das unter sowjetischer Besatzung ächzende Prag. Dort begegnen sich die beiden Liebenden. Sie, die Servierdame, die eigentlich aus einer Provinzstadt kommt, dann aber Tomas Nähe sucht und schließlich findet. Er, der als passionierter Chirurg vor allem für seinen Beruf schwärmt aber ebenso eine Leidenschaft für Frauen hat.

Es ist sich auch dies, eine heterosexuelle Paarbeziehung, die an den Grenzen der Monogamie leidet und erst sehr spät einen Umgang damit finden kann. Bis dahin ist es vor allem Tomas, der fortwährend andere Frauen zwecks Beischlaf aufsucht. Um Teresa mehr Sicherheit zu geben, schließt er zwar den Bund der Ehe mit ihr, aber das führt nicht zur Schließung ihrer Beziehung, sondern lediglich zu neuem Vokabular. Von Seitensprung und Betrug ist nun die Rede, Tomas’ Verhalten damit moralisch illegitim. Doch Tomas ficht das kaum an. Er braucht die vielen Sexualkontakte für sein Selbstbild, für das, was er als seine Freiheit versteht.

Weitere Männer und Frauen verdichten das Ensemble und sorgen durch manch unerwartete Verbindung für Abwechslung und Tiefgang der Geschichte.

Kundera entwirft mit seinem Protagonisten einen dominanten Mann, der sich nimmt, wonach ihm gelüstet und der überrascht ist, wenn Frauen ebenfalls sexuelle Wünsche äußern oder den seinen nicht entsprechen wollen. Der Roman begnügt sich aber nicht nur mit Tomas und Teresa, sondern hat noch andere Figuren in petto, die ebenfalls amouröse Zweisamkeit äußerst wichtig finden. Weitere Männer und Frauen verdichten das Ensemble und sorgen durch manch unerwartete Verbindung für Abwechslung und Tiefgang der Geschichte.

Die vom Autor entworfenen Bilder sind indes nicht allzu stark; das Buch ist vergleichsweise detailarm. Genau das lässt aber die Liebesbeziehung besonders erstrahlen, da die tiefe Zuneigung der Hauptfiguren umso deutlicher hervortritt, je mehr das Übrige in den Hintergrund rückt. So gerinnt die zweifellos spannende Geschichte des historischen Prag zur schieren Kulisse, drängt sich mal mehr mal weniger auf, wird aber erst dominanter, als auch die Liebe zwischen Teresa und Tomas zu verblassen scheint.

Ab diesem Zeitpunkt gerät das Politische in den Vordergrund, wo sich Kundera an der tschechischen Geschichte abarbeitet. Dies geschieht auch über philosophische Elemente, die immer wieder eingewoben werden, aber nicht immer harmonieren, sondern als Irritation stehenbleiben, die sich nicht in das Gesamtbild einzupassen vermögen. Insgesamt ist es aber schön zu lesen, wie Kundera die immer auch verzweifelte Liebe mit historischer Tiefe füllt und mit intellektuellen Ausflügen in die Weltliteratur zu spicken weiß.

Herausragend ist daneben auch der Werdegang der Liebesbeziehung, der von Beginn an in einer gewissen Unklarheit begriffen ist und sich sukzessive zu verselbstständigen scheint. Erst Prag, dann Genf, dann wieder Prag. Schließlich die Arbeit als Chirurg, als Fotografin, als LKW-Fahrer. Die Jahre fliegen dahin, die Entscheidungen sind bereits getroffen. Waren es die richtigen? Eine mehrfach auftauchende Frage, für die Kundera auch sogleich die Antwort mitliefert: Sie kann nicht beantwortet werden, da es nur ein Leben gibt und keinen zweiten Versuch, wo sich probeweise für das Gegenteil entschieden werden könnte. Somit ist jeder Moment gleichsam wertvoll, auch wenn wir ihm keine Beachtung schenken. Auch das ist sie, die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins | Milan Kundera | Fischer Taschenbuch 1984 (1990) | 302 Seiten

Verschwommen Schilf | Juli Zeh

Freiburg ist eine malerische Ökostadt an den westlichen Ausläufern des Schwarzwaldes. Ein Ort der Idylle und des guten Lebens, der Konflikte vordergründig zu kaschieren weiß und genau damit eine angemessene Kulisse für Juli Zehs Geschichte ‚Schilf’ bietet. Die Wirkung dieser schönen Welt ist bezaubernd und die dort lebenden Menschen ebenso. Der Roman bedarf nur weniger Seiten, bis die Dynamik der Charaktere die Leserin in ihren Bann schlägt und tiefer in die Gedanken der Figuren zieht. Der Physikprofessor, der CERN-Forscher, die Galeristin und das Kind. Wohnhaft in der Schweiz, in Deutschland, in Genf, in Freiburg. Sie alle sind miteinander verbunden. Durch Freundschaft, Liebe, Ehe, Blut.

Juli Zeh schreibt von aufrechter Zuneigung und unbedingter Verbundenheit, die alles übersteigt und kaum Platz für etwas dazwischen lässt. Die intensive Beziehung der Figuren trägt viel in diesem Roman. Aber auch darüber hinaus hat ‚Schilf’ einiges zu bieten. Eifersucht, Entscheidungen, Mord. Vor allem aber Zeit. Immer wieder Zeit. Neben dem sich irre drehenden Freundschaftskarussell, dass schließlich seinen Tribut fordert, beschreibt Zeh einen fortwährenden Schlagabtausch zwischen Mensch und Wissenschaft. Zeit ist nicht umkehrbar, sie gibt nichts von dem zurück, was sie nimmt. Was aber, wenn Zeit parallel existiert, mehrere Universen mit verschiedentlichen Abläufen nebeneinanderstehen?

Es sind solche philosophischen Gedankenspiele, denen die beiden Physiker verfallen sind und die nach und nach Realität und Fiktion in ihrem Alltag verwischen. Dank Zehs dichter Beschreibungen werden derlei Elemente, die sich auch nahtlos der Science-Fiction zuordnen ließen, plausibilisiert. Nicht umfassend aber gleichwohl akribisch werden physikalische Begebenheiten im Zwiegespräch der Figuren aufbereitet. Diese Thematik ist für sich genommen bereits sehr lesenswert, denn die Autorin macht das Brennen der Forscher spürbar und ermöglicht damit großes Identifikationspotential. Doch damit nicht genug: Eine Entführung, ein Krankenhausskandal und schließlich die Polizei. Mit fortschreitenden Seiten erfährt die Geschichte eine wohlkomponierte Dramaturgie, die auch sprachlich sehr stark daherkommt.

Zeh verwebt elegant Detailreichtum mit eingehenden Charakterzügen und wunderbaren literarischen Kniffen.

Zeh verwebt elegant Detailreichtum mit eingehenden Charakterzügen und wunderbaren literarischen Kniffen. Vorbeiwatschelnde Enten, die eingangs irritieren, werden sukzessive zu nicht immer stummen Zeugen der Geschichte und konterkarieren überdies den linearen Realitätsverlauf. Dem im Vordergrund stehenden Physikerstreit wird im Laufe des Buchs eine kriminologische Perspektive hinzugefügt. Eine Kommissarin und ein Kommissar, die gänzlich anders funktionieren, aber durch ihr Eigenbrötlertum vereint sind, tasten sich mit je eigenen Methoden an das Leben und die Ideen der Herren Wissenschaftler heran.

Das Auseinanderhalten von Zufall, Ursache und Wirkung oder schlichtweg der eigenen Wahrnehmung gerät im Laufe der Ermittlungen zusehends zur kriminalistischen Herausforderung. Indes ist keineswegs klar, wer nun geistiger Umnachtung anheimgefallen ist, denn die unsäglichen Kopfschmerzen des ermittelnden Kommissars scheinen dann und wann auch seine Sinne zu trüben. Obwohl Juli Zeh keinen Kriminalroman vorgelegt hat, wartet ihr Werk mit einigen Elementen auf, die aus diesem Genre entlehnt sind. Dies, gepaart mit den großartig herausgearbeiteten Figuren, sorgt für ein hervorragendes Lesevergnügen. Bis zuletzt gelingt es Zeh, auch aus den banalsten Szenen ein Feuerwerk des gekonnten Erzählens und Illustrierens zu generieren.

Schilf | Juli Zeh | Schöffling & Co. 2007 | 380 Seiten

Von Reproduktionsrepubliken Der Report der Magd | Margaret Atwood

Nordamerika in einer dystopischen Zukunft. Desfred, die Protagonistin des Romans, ist als eine Art Haushälterin bei dem Kommandanten angestellt. Was wie ein reguläres Arbeitsverhältnis anmutet, ist es ganz und gar nicht. Denn Ort des Geschehens sind nicht die Vereinigten Staaten von Amerika, jenes Land, dass sich die Freiheit des Einzelnen auf die sternverzierte Fahne schreibt, sondern die Republik Gilead. Freiheit ist hier nur noch eine Worthülse, die allenfalls für wenige noch die Bedeutung von einst hat. Besonders aber für Männer, denn die Republik Gilead zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es eine extreme Form des religiösen Patriarchats darstellt. Herrschaft der Männer, die Frauen primär zu einem Zweck duldet: der Reproduktion.

So kommt es, dass Desfred auch keine gewöhnliche Haushälterin ist, sondern eine Sexsklavin, deren Aufgabe es ist, dem Kommandanten ein Kind zu schenken. Damit keine dieser Mägde genannten Frauen rebelliert, erhalten sie nichts außer Kost und Logis und dürfen auch untereinander keine Freundschaften schließen, sondern sind angehalten, sich in rein funktionalem Kontakt zu begegnen. Bei Verstoß drohen Folter und Prügel, bis hin zum Mord. Der soziale Druck ist hoch, alle fürchten wechselseitig verraten zu werden und dann gibt es ja auch noch die Augen. Augen sind vom System eingesetzte Männer, die in martialischer Montur alle verfolgen, die Systemkritik üben.

Häufig schweifen Desfreds Gedanken zurück an ihre Mutter, die eine glühende Kämpferin für ihre Geschlechtsgenossinen war und inzwischen verschollen ist.

Margaret Atwood, die sich selbst als Feministin versteht, beschreibt aus eben dieser Rolle heraus die Herrschaft von Männern über Frauen. Dieser Blick funktioniert in aller Regel, stößt aber auch ab und zu an seine Grenzen und wirkt dabei ungelenk überformt. Gelungen ist aber das sanfte Einstreuen von Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, mit denen die Frauenbewegung in der realen Welt konfrontiert war und bis heute ist. Häufig schweifen Desfreds Gedanken zurück an ihre Mutter, die eine glühende Kämpferin für ihre Geschlechtsgenossinen war und inzwischen verschollen ist.

Desfreds eigener Kampf bleibt allerdings seltsam farblos. Ihre innere Aufruhr und der Wunsch nach Freiheit sind in der unterdrückenden Rahmung angelegt, treten aber nur in einer begrenzten Intensität heraus. Selbst ihre widerständigen Episoden sind kaum beherzt und lassen den Charakter schwach erscheinen, was nicht gut mit dem nur latenten Bedrohungsszenario harmoniert. Dies liegt aber nicht in der Figur begründet, denn Atwood leistet eine gute Charakterarbeit. Das Problem des Romans ist, dass es eine gute Geschichte unzureichend transportiert. Zu vieles verbleibt in Andeutungen, ohne das daraus ein Bedrohungsszenario erwächst.

Die empfundene Unbill von Desfred bleibt zwar nachvollziehbar, das Gesamtszenario hingegen kaum. Das ist schade, weil Atwoods Idee klug ist. Das, was sie der fiktiven Republik Gilead andichtet sind gesammelte Verhaltensweisen, Einstellungen und Begebenheiten, mit denen sich Frauen in Vergangenheit und bisweilen auch heute noch auseinandersetzen müssen. Insofern liegt der große Gewinn der Geschichte darin, der Gesellschaft aufzuzeigen, wie sehr sie bis heute von Verachtung für Frauen durchzogen ist. Mit dieser Botschaft dürfte der Roman trotz literarischer Schwächen wohl noch eine gute Weile aktuell bleiben.

Der Report der Magd | Margaret Atwood | Piper 2017 (1985) | 416 Seiten

Der Blick zurück Rückkehr nach Reims | Didier Eribon

Didier Eribon ist Philosoph, Soziologe und Professor in Amiens. Amiens? Die nordfranzösische Kleinstadt ist nicht unbedingt das, was in akademischen Kreisen bekannt ist, geschweige denn als Vorzeigeuniversität gilt. Knapp zwei Autostunden von Paris entfernt bietet sie jenem Heimat, für den woanders kein Platz scheint. Was Eribon nämlich auch ist: ein Arbeiterkind. Seine Eltern schuften zeitlebens in einer Fabrik, ein Weg, der ihm auch vorgezeichnet scheint. Mit seinem Buch ‚Rückkehr nach Reims’ zeichnet Eribon autobiographisch den steinigen Weg zur gesellschaftlichen Anerkennung in den Kreisen, die für ihn und seinesgleichen nicht vorgesehen sind.

Sein Buch ist beides, Rückschau auf sein Leben, aber ebenso soziologische Studie zur Chancengleichheit wie zur verloren geglaubten Arbeiterklasse. Der Mann ist belesen und inzwischen längst eine anerkannte Person der Wissenschaft. Das wird er auch nicht müde zu demonstrieren, denn sein Vokabular ist nicht mehr jenes aus alten Arbeitertagen, sondern ein präzises Instrumentarium um sorgfältig gesellschaftliche Begebenheiten aufzuzeigen und den Finger immer wieder in die Wunde zu legen. Trotz seines wissenschaftlichen Anspruchs liest sich sein Buch überraschend gut, lediglich im mittleren Teil wirkt es ein wenig von Fachtermini überfrachtet, was dem Gesamtleseeindruck aber kaum schadet.

Wer immer noch glaubt, in der Schule würde gemäß einem meritokratischem Prinzip die Leistung gemessen, hat die letzten Jahrzehnte vermutlich auch keine Zeitung mehr aufgeschlagen.

Es ist lange her, dass Eribon in dem zu Hause war, was für seine Eltern nach wie vor ihr zu Hause ist: Die Grenzstadt Reims. Erst als sein Vater stirbt, besucht er seine Mutter und beginnt seine eigene Geschichte mit jenen Theorien abzugleichen, die er sich jahrzehntelang angeeignet hat. Dabei liefert Eribon aus wissenschaftlicher Perspektive nichts wirklich Neues. Wer immer noch glaubt, in der Schule würde gemäß einem meritokratischem Prinzip die Leistung gemessen, hat die letzten Jahrzehnte vermutlich auch keine Zeitung mehr aufgeschlagen. Schulen sind soziale Platzanweiser, sie dienten und dienen der Allokation, der Verteilung der Berufsmöglichkeiten gemäß der sozialen Herkunft.

Eribons Verdienst indes ist es, auf die Existenz von gesellschaftliche Klassen zu verweisen, ein Umstand, der dieser Tage allzu gerne ignoriert wird. Die Hürden, denen sich der junge Eribon in den 1960er Jahren ausgesetzt sieht, sind klassenimmanente, habitualisierte Verhaltensweisen, die ihn als auffällig, als unpassend markieren. Er ist derjenige, der sich im Gymnasium nicht zu benehmen weiß und seiner Schulausbildung damit beinahe ein jähes Ende setzt. Für seine Eltern ist es ohnehin unverständlich, warum er nicht schon mit 14 arbeitet, gilt höhere Bildung doch als potentielle Gefahr, primär als finanzielle Bedrohung.

Kaum hat Eribon erfolgreich und mit Bravour die Schule absolviert, droht bereits das nächste Unbehagen. Der junge Franzose hat ein abweichendes Begehren, er ist homosexuell und liebt Männer. Dies führt nicht nur zu Unsicherheiten und dem Gefühl von der Mehrheitsgesellschaft ausgestoßen zu sein, sondern auch zu Übergriffen selbstgerechter Mitmenschen, die ihre ablehnende Haltung gegenüber deviantem Verhalten mit Gewalt ausleben.

Das in der Geschichte angelegte Drama spitzt sich vor allem dadurch zu, dass Eribon nicht nur seine Geschichte erzählt, sondern, dass er sie auch erklären, wissenschaftlich untermauern und mit literarischen Erzählungen unterfüttern kann. Auch wenn die Geschichte gewissermaßen ein Happy End mitbringt und Eribon, der gut mit Pierre Bourdieu und Michel Foucault befreundet war, schließlich einen Ruf an eine französische Universität erhält, bleibt ein übler Nachgeschmack. Es sind die steten Hinweise darauf, dass sich viele dieser Gnadenlosigkeiten aus dem Leben Didier Eribons bis heute gehalten haben. Dies stimmt nicht nur nachdenklich, sondern eher erschütternd.

Rückkehr nach Reims | Didier Eribon | Suhrkamp 2016 (2009) | 238 Seiten

Aus Liebe zur Theke Wiener Strasse | Sven Regener

Westberlin in den Achtzigerjahren. Erwin ist Betreiber einer Gastronomie, die auf den Namen Café Einfall hört und entgegen diesem Namen eine Kneipe ist, die mehr schlecht als recht läuft. Über Publikum braucht sich der Wirt zwar nicht zu beklagen, aber irgendwie stimmt die Kasse nicht. Um zumindest Mieteinnahmen aus seiner darüberliegenden Wohnung zu erzielen, lässt Erwin daher seine Nichte Chrissie samt Wohngemeinschaft dort einziehen.

Fortan ist nicht nur Leben in der Wohnung, sondern alle wollen auch in seiner Kneipe mitarbeiten. Obwohl sich Erwin anfangs arg dagegen verwehrt, gelingt es doch allen Beteiligten auf die ein oder andere Weise am Cafébetrieb teilzunehmen. Chrissie backt Kuchen, Frank putzt und Karl gibt den Barkeeper. Selbst H.R., der ansonsten damit zu glänzen weiß, sein Umfeld mit Axt und Motorsäge zu schocken, nutzt die eingestaubte Kuchenvitrine für eine spontane Kunstausstellung der besonderen Art.

Es ist Regeners Stil, der zuerst irritiert. Wild und abgehackt saust die Geschichte zwischen Erzählungen und Wortduellen umher. Kaskadenartig beharken sich seine Charaktere, überbieten sich in derbem und infantilem Gebaren. Anfangs wirkt diese Zurschaustellung aneinandergereihter Normbrüche nachgerade unlustig und eher abstoßend. Mit fortschreitender Geschichte setzt allerdings ein Gewöhnungsprozess ein, der es möglich macht, auch ausufernde Schwachsinnsszenen hinzunehmen. Stellenweise erscheinen die humoristischen Elemente derart verzerrt, dass aber auch nach etlichen Seiten nicht immer klar wird, warum die Figuren bis ins Groteske überzeichnet sind.

Richtig sympathisch ist bis auf wenige Ausnahmen niemand, was wiederum bedeutet, dass es mitunter anstrengend ist, sich durch Passagen zu lesen, wo obendrein noch die Handlung lahmt. Dennoch lässt sich dem Autor sein beschwingter Stil zugutehalten. Trotz häufig fadem Komikniveau behält der Roman einen angenehmen Elan bei, dem aber leider ein solider Plot fehlt. An Ideen indes scheint es nicht zu mangeln, denn das Buch ist geradezu vollgepackt mit Figuren und zugehörigen Anekdoten.

Die raren Zeilen, die tatsächlich urkomisch sind, bleiben daher Ausnahmeerscheinungen in einem tendenziell unausgegorenen Gesamtstück.

Womöglich liegt genau darin aber auch des Pudels Kern. Einmal mehr ist ‚Wiener Strasse’ nämlich auch die Geschichte von Frank Lehmann. Jener Lehmann, mit dem Regener einst seinen literarisch größten Erfolg feiern konnte. ‚Herr Lehmann’, hochgelobt und sogar verfilmt, scheint bei seinem neuesten Werk aber nicht mehr die Vorlage zu bieten, die es braucht um ein eigenständig Buch zu befüllen. Die raren Zeilen, die tatsächlich urkomisch sind, bleiben daher Ausnahmeerscheinungen in einem tendenziell unausgegorenen Gesamtstück.

Zwar bietet der Roman vielfältige Episoden und besondere Momente, die zugehörige Dramaturgie ist indes äußerst dünn ausgefallen. Die Frage, wohin die ganze Chose führen wird, bleibt am Ende zwar nicht offen, aber eine befriedigende Antwort sieht dann doch anders aus. Die wenigen, gleichwohl atmosphärischen Ost-West-Anspielungen (immerhin spielt das Buch in der DDR) sind zwar gut platziert, aber eine bisweilen inkonsistente Charakterarbeit lässt sich dadurch auch nicht mehr auffangen. Wüste Unterhaltungsliteratur, gleichermaßen erschreckend und bizarr, die nicht an vergangene Veröffentlichungen Regeners heranzureichen vermag. Wer gewillt ist das Medium zu wechseln, ist mit einem Film aus der ‚Werner’-Reihe womöglich besser bedient.

Wiener Strasse | Sven Regener | Galiani Berlin 2017 | 296 Seiten

Freiheit und andere Mythen Er, Sie und Es | Marge Piercy

Bereits die Widmung des Buches mutet interessant an. Marge Piercy gedenkt auf der ersten Seite Primo Levi, der der geschichtlich informierten Leserin als Überlebender der Shoah bekannt ist und mit seiner Autobiographie ‚Ist das ein Mensch?’ die Schrecken seiner Gefangenschaft im KL Auschwitz II verarbeitet hat. Jenes Auschwitz also, das bis heute sinnbildlich für die Gräuel der Deutschen an der jüdischen Bevölkerung steht.

Zeitlich startet Piercy dann allerdings etwa einhundert Jahre später. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ist die Welt eine andere, als wir sie heute kennen. Die Umwelt weitestgehend zerstört und das Land rundherum aufgeteilt zwischen wenigen mächtigen Konzernen. Dazwischen einige Städte, die als Enklaven einen freien Status haben und die endlosen Unweiten des Glop. Jener Bereich, in denen die meisten Menschen leben – ohne Schutz vor der allgegenwärtigen, gesundheitsschädigenden Strahlung.

Heldin des Romans ist Shira, die, ursprünglich aus der freien Stadt Tikva stammend, inzwischen für einen der großen Konzerne arbeitet. Anstatt das Leben mit Mann und Kind zu genießen, verbringt sie ihre rare Freizeit mit dem Sorgerechtsstreit um ihren Sohn. Vom Mann längst getrennt scheint ihr Sohn Ari der einzige Antrieb, der ihr im Konzerneinerlei bleibt. Als das Familiengericht gegen sie entscheidet und ihr Mann samt Kind auf eine extraterrestrische Kolonie versetzt wird, entschließt sich Shira nach Tikva zurückzukehren.

Seite an Seite mit ihrer Mutter Riva und ihrer Großmutter Malkah stellt Shira fortan ihr Leben in den Dienst der Freiheit.

Kaum dort angekommen, sieht sich Tikva von den Konzernen bedrängt und droht im Cyberkrieg, in welchem die modernen Konflikte ausgetragen werden, unterzugehen. Seite an Seite mit ihrer Mutter Riva und ihrer Großmutter Malkah stellt Shira fortan ihr Leben in den Dienst der Freiheit.

Gleichzeitig ist dies auch die Geburtsstunde von Yod, einem Roboter, der zur Verteidigung der Stadt erdacht wird. Fortan berichtet Piercy nicht nur aus dem dystopischen Tikva, sondern auch aus dem jüdischen Ghetto von Prag im ausgehenden 16. Jahrhundert. Die dortige Gemeinde leidet unter der Tyrannisierung der christlichen Bevölkerung, woraufhin der Rabbi, ein Anhänger des mystischen Kabbalismus, zur Verteidigung einen Golem erschafft. Mithilfe dieser beiden Erzählstränge gelingt es Piercy, Vergangenes mit Zukünftigem zu verweben und dabei die moralische Frage zu stellen, wer wann wen unter welchen Umständen berechtigterweise umbringen darf.

Piercy bleibt aber nicht bei derlei philosophischen Abhandlungen stehen, sondern glänzt ebenso mit klaren feministischen Positionen, die sie als Kennerin von Shulamith Firestone und Donna Haraway ausweisen. Theoretikerinnen also, deren Anliegen es war, die Reproduktionsrolle der Frau in Frage zu stellen. Entsprechend liefert Marge Piercy starke Frauenfiguren, die selbstbestimmt und lustbetont ihr Leben führen und so für ein ungewohnt erfrischendes Lesevergnügen sorgen, das im Gros übriger Bücher oft ausbleiben dürfte.

Garniert wird der Roman zudem mit einer Fülle von jüdischen Worten, Namen und Riten, was trotz der zeitgeschichtlich unterschiedlichen Handlungsorte für eine äußerst dichte Atmosphäre sorgt. Spätestens als Piercy einen unmissverständlichen Rückgriff in Richtung Auschwitz vornimmt, schließt sich der Kreis zwischen dem fiktiven Tikva, dem historischen Prag und der jüngeren deutschen Geschichte. Es ist sich dies und weniger der zwar durchweg gute, aber wenig brillante Stil der Autorin, was das Buch zu einem Leseerlebnis macht und gekonnt Cyberfeminismus mit einem Andenken an die Shoah verbindet.

Er, Sie und Es | Marge Piercy | Argument 2016 (1991) | 552 Seiten

Ein Leben nach dem Leben Adler und Engel | Juli Zeh

Solange das Koks in seinem Beutel raschelt, kommt Max klar. Zumindest meistens. Die Droge scheint seine Vitalfunktionen übernommen zu haben. Er isst nicht mehr, ab und zu trinkt er. Alkohol. Dann ist da noch Clara, eigentlich Lisa. Max schlägt sie. Ins Gesicht. Immer wieder. Sie geht nicht, denn sie will etwas von Max.

Anders ist es bei Jessie. Sie wird nicht von Max geschlagen, sondern hofiert. Doch nachdem Jessie ihren Revolver gegen sich selbst richtet, gerät für Max so einiges durcheinander, was zuvor wirkte, als sei es ausreichend gekittet worden. Eigentlich ist Max nämlich Jurist, ein Topjurist in einer der besten Kanzleien Europas. Zuständig für Osteuropa, Grenzen, Schengen, Balkan, all sowas.

Zu Beginn des Romans wird die Leserin allerdings in die Drogenwirren von Max gezogen. Max, der auch mal Cooper genannt wird, liegt zerstört in seiner Leipziger Wohnung und versucht zu begreifen, was nicht zu begreifen ist. Den Tod von Jessie kontert er mit übermäßigem Koksen und der vagen Hoffnung auf das eigene Ableben. Die neue Frau an seiner Seite ist Clara, eine Radiomoderation, die sich für ihre Diplomarbeit das irre Leben von Max schildern lässt.

Auf einer gemeinsamen Reise nach Wien offenbart Max immer weitere Details seiner kriminellen und drogenverstrahlten Vergangenheit. Seine nebulösen Erzählungen offenbaren aber auch, dass er selbst nicht so genau weiß, was in seinem Leben eigentlich gerade schief läuft.

Die Realität verschwimmt und mit ihr treibt der Inhalt des Drogenbeutels davon.

Zeh gelingt es, sehr starke Charaktere zu inszenieren, die sich zusehends im Strudel des Kokain zu verlieren drohen. Die Realität verschwimmt und mit ihr treibt der Inhalt des Drogenbeutels davon. Als Max‘ Vorrat sich dem Ende zuneigt, tritt er seit langer Zeit öffentlich in Erscheinung, indem er vor seiner alten Kanzlei herumstromert um von Kollegen etwas abzukaufen. Die groteske Getriebenheit von Max wirkt anfangs sehr befremdlich, mit der Zeit aber sehnt man sich schon fast herbei, dass er sich eine weitere Nase zieht um wieder klar zu sehen und die Dinge zu begreifen, wie sie tatsächlich sind.

Gerade Begegnungen zwischen dem völlig zugedröhnten Max und scheinbar teilnahmslosen Dritten wirken auf eine bizarre Art lustig. Zehs Beschreibung eines sich selbstzerstörenden Mannes, dessen Wahrnehmung durchgehend drogeninduziert ist, wirkt meist plausibel und liest sich erfrischend kurzweilig. Das durch die Geschichte gesponnene Netz aus Verbrecherbanden und UNO-Abgesandten funktioniert tadellos als Rahmung eines Drogentrips.

Nachdem Max wochenlang in einem versifften Unterschlupf vor sich hin vegetiert und statt menschlichen Grundbedürfnissen nachzugehen noch eine Ladung Koks konsumiert, drängt sich seine Vergangenheit nur unmerklich auf – der gegenwärtige Max ist schlicht zu präsent. Dennoch gibt es einige Drehungen und Überraschungen auf personellen Ebenen, die dem Roman bis zuletzt eine gewisse Grundspannung verleihen. Die Autorin schreibt äußerst stilsicher und glänzt mit einem breiten Repertoire an Bildern und Vergleichen, die die bisweilen abstrusen Szenerien noch weiter aufbauschen. Dann und wann sind Beschreibungen jedoch etwas zu knapp geraten, sodass einige Stellen erst nach mehrmaligem Lesen an Klarheit gewinnen. Das ist, auch gemessen daran, dass es sich um Zehs Debütroman handelt, allerdings nur eine Randnotiz wert. Ein starkes Buch.

Adler und Engel | Juli Zeh | Schöffling & Co. 2001 | 448 Seiten

Kinder, Küche, Kirche Schlaflos | Sarah Moss

Es ist Nacht und Anna liegt wach. Kein Albtraum der an ihrer Seele zerrt, sondern die Freuden doppelter Niederkunft. Gemeinsam mit ihrem internatsgeschulten Gentleman und Ehemann Giles kümmert sich Anna um ihre beiden Kinder Moth und Raph. Nacht für Nacht gleitet sie aus ihrem Bett um für den jungen Timothy zu singen und ihn zurück in den Schlaf zu wiegen.

Kaum schläft dieser eine Nacht durch, tapst der ältere Raphael in Richtung des elterlichen Schlafzimmers, um aufgelöst von Bewegungen und Geräuschen, die vom Dachboden herrühren, zu berichten.

Sarah Moss schildert in ihrem Roman alltägliche Familiensituationen, die von der Fürsorge der Frau gegenüber ihren Kindern geprägt sind. Eine Fürsorge, die für Anna zunehmend zur Tortur wird. Sie ist es leid, dass ihre kostbare Schlafenszeit ebenfalls in die Versorgung der Kinder einfließt und ihr den so nötigen Schlaf verwehrt.

Anna ist nämlich nicht Mutter allein, sondern Doktorin der Geschichtswissenschaft, gerade an einem Buch arbeitend und auf der Suche nach einem Ausweg aus dem mütterlichen Einerlei. Ihr Mann Giles bricht allmorgendlich zu den nahe gelegenen Klippen der Insel auf, auf welcher sie einigermaßen isoliert den Sommer verbringen.

Die Ornithologie ist sein Fachgebiet, der Papageientaucher sein Forschungsobjekt. Sein Tagesablauf damit bereits bestimmt. Anna, die von Selbstzweifeln über das richtige Muttersein geplagt ist, buddelt indes mit Raph eine Kinderleiche im heimischen Obstgarten aus. Wochenlang wird der Junge nun nicht schlafen können und die lokale Polizei macht sich bereits daran, herauszufinden, wer für den Tod des ausgegrabenen Kindes verantwortlich sein könnte.

Auch wenn Anna mit dem toten Kind nichts zu tun zu haben scheint, trübt sich ihre Umgebung mit einem Male feindselig ein. Ob Polizist, Ehemann oder Nachbar, ihnen allen scheint sie nicht gerecht zu werden. Weder als Mutter, noch als Wissenschaftlerin. Und überhaupt, wie komme sie denn auf die abstruse Idee, derlei überhaupt vereinen zu wollen.

Dem Kopfschütteln ihres Umfelds begegnet Anna mit Kampfgeist und Disziplin, denn Feminismus ist kein Geschenk, will erkämpft und verteidigt werden.

Dem Kopfschütteln ihres Umfelds begegnet Anna mit Kampfgeist und Disziplin, denn Feminismus ist kein Geschenk, will erkämpft und verteidigt werden. Das erledigt Anna aber nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der historischen Forschung, indem sie nämlich selbst Forschungen zur Geschichte der Insel anstellt und der Frage nachgeht, warum sie eine Kinderleiche im Garten hat.

Fortan folgt der Roman neben der Familiengeschichte auch der geschichtswissenschaftlichen Spurensuche durch die Jahrhunderte. An diesen Stellen tritt die Mosssche Provenienz zu Tage, da sie selbst einen Lehrstuhl in England innehat und entsprechend mit wissenschaftlichem Arbeiten hervorragend vertraut sein dürfte. Ihr präziser Stil wirkt allerdings insgesamt etwas verkrampft und lässt humoristische Stellen etwas gedämpft wirken, während es ihr gut gelingt, drückende Stimmungen zu beschreiben.

Moss zeichnet schöne Figuren, die sich an sich und der Insel abarbeiten. Warum die selbstbewusste Anna ihrem Mann allerdings nicht ein mehr der Reproduktionsarbeit zumutet, bleibt unverständlich. Trotz schwelendem Konflikt und einem angedeuteten Mordversuch ergeht sich das Buch in einem wenig zufriedenstellenden Ende. Das letzte Drittel der Geschichte flacht dramaturgisch deutlich ab, denn mögliche Geheimnisse sind weitestgehend gelöst und das Familieneinerlei scheint sich auch in seiner Unbestimmtheit gefestigt zu haben. Ihre Folgewerke, die Moss komplett historisch anlegt, sind gegenüber ihrem Debüt deutlich stärker.

Schlaflos | Sarah Moss | mare 2013 | 496 Seiten